Die gestohlene Telefonleitung

DIE GESTOHLENE TELEFONLEITUNG

Eine Erzählung
basierend auf einem Vorgang 1994

 

Eines Morgens ging es wie ein Feuer durch die Township:
"Das Telefon ist entführt worden."
Die Leitung sei tot. Kein Ton, kein Signal. Einfach stumm. Nicht einmal ein Besetztzeichen. Ein totes Telefon.

Zuerst bemerkte es die Familie Chifundise, die heute morgen ein Kind in der Schule abmelden wollte. Es hatte über Nacht eine schwere Grippe gekriegt. Die Mutter kombinierte sehr rasch, dass Kind und Telefon krank waren und dass es bestimmt einen Zusammenhang geben musste. Sie vermutete sofort nachbarliche Missgunst und Hexerei, die andern Böses wünscht und auch antut.

Erst als Frau Chifundise zur Nachbarin Moyo ging, um von dort aus zu telefonieren, sah die Geschichte anders aus, denn auch bei Moyos schlief das Telefon. Frau Moyo meinte, dass das wohl über Nacht vorkommen könne. Das Amt würde ab und zu Leitungen ruhen lassen. Diese Technokraten schliefen, wann immer sie könnten. Zudem seien sie sehr oft besoffen.

Da kam Nachbarin Hove vorbei. Sie war auf dem Weg zur Stadt. Sie merkte sofort, dass hier Aufregung herrschte und fragte:
"Ist etwas los?"

"Ja, und was! Stell dir vor, jemand hat uns die Telefon-Leitung gestohlen."

Frau Hove fiel ein: "Aha, ich dachte es mir schon, dass etwas nicht stimmt, denn ich habe gestern Nachmittag und Abend auf einen Telefonanruf gewartet. Ich fühlte mich schon verlassen. Normalerweise erhalte ich zwei-drei Anrufe am Abend. Habt ihr es schon beim Amt gemeldet?"

Da trat ein älterer Herr hervor - niemand kannte ihn - und bemerkte: "Es kam mir schon längst eigenartig vor. Niemand rief mich an. Niemand. Einfach niemand. Das kann doch nicht sein. Irgend jemand hat etwas gegen unsere Township. Das sind die Politiker. Die müssen uns wieder mal beweisen, dass wir sie brauchen. Verdammt noch einmal! Hol sie der Teufel!"

Inzwischen gab es bereits eine grosse Ansammlung an der Kreuzung. Es ging immer rasch; erstaunlich, wie beinahe herausgerufen, diese Leute auf die Strasse strömten und einfach zusammenliefen, wann immer etwas in der Township los war. In kürzester Zeit herrschte ein wahres Durcheinander. War es zu Beginn noch der böse Nachbar, so waren sich nun alle eins, dass die bösen Politiker daran schuld waren.

Das Telefonamt hatte natürlich gewusst, dass alle Leitungen ausser der ganz besonderen nach der alten Kolonialzentrale England tot waren. Aber wie immer in solchen Augenblicken schwieg es, bis Leute sich meldeten. Es glaubt, mit solchen Tricks Zeit für sich zu gewinnen.

In den 10 Uhr Vormittagsnachrichten meldete das Radio ganz einfach: "Alle Telefonverbindungen - ausser nach Grossbritannien - sind tot. Eine Begründung hat das Telefonamt noch nicht."

Und die Gerüchte begannen sich zu jagen und bald hiess es, dass in einem Nachbarland Krieg ausgebrochen sein müsse - entweder Südafrika oder Mozambik oder Angola oder... Ist es etwa eine Auswirkung des Aufstands in Ruanda?

Erst am dritten Tag, kam die ganze Geschichte an den Tag. Und was für eine Geschichte, sag ich! In einer Township am Rande von Harare war die Telefonleitung etwa 100 Meter lang einfach wie ein Toter ausgegraben, durchschnitten, gestohlen oder entführt worden. Fast 100 Meter auseinander waren auf zwei Seiten alle Kabel ausgegraben worden und blieben verschwunden. Ja, einfach herausgeschnitten wie bei einer Wurst ein Mittelstück. Wer kann so etwas in derart kurzer Zeit und total unbemerkt tun? Das schien, unmöglich zu sein. Das konnte nur Hexerei oder eine Untat des Teufels sein!

Gerüchte jagten sich. Natürlich freuten sich all diejenigen, die kein Telefon hatten, denn es gab ihnen eine Befriedigung. Die Mischung von Schadenfreude und Staatsverhöhnung war offensichtlich. Die Telefonabonennten ärgerten sich jedoch masslos, über die Dreistigkeit der Diebe und die Ohnmacht der Regierung. Einig waren sich fast alle, dass die ganze Regierung wie diese Leitung nichts wert seien.

Die Polizei war schlicht hilflos. Nach wem und wo überhaupt sollte sie suchen? Wo sollte sie beginnen? Sie merkte sehr rasch, ohne die lokale Bevölkerung gab es kein Weiterkommen. Übers Radio liess sie tagsüber zur Mithilfe aufrufen und abends in den 20 Uhr TV-Nachrichten gab es neben einem Bericht und ein paar mageren Bildern vom Tatort den Aufruf, alles Verdächtige der Polizei zu melden. Was den meisten Zuschauern am Fernsehen auffiel, war das "bitte" des Polizeikommissärs: "Wir bitten die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche nach verdächtigen Personen und zur Aufklärung des Verbrechens. Bitte, helft uns!" So etwas und einen solchen Ton hatte es noch nie in den Nachrichten am ZTV gegeben. Sofort schlossen Leute daraus, dass das Ganze besonders und sehr ernst sein müsse. Ein neuer Grund zu Gerüchten war gegeben. Und sie kamen daher wie fliegende Ameisen nach dem Regen.

Zwei Tage lang fand die Polizei nichts, und nichts, an dem sie sich wie an einem Faden hätte halten können, wurde von der Bevölkerung gemeldet.

Da kam ein Nganga auf den Posten der Zentralpolizei von Harare. Er wusste eine Lösung. Er überzeugte die frustrierte Polizei davon, dass seine Mithilfe mindestens nicht schaden könne.

Noch am gleichen Abend sprach er zuerst über die drei lokalen Radioprogramme und um 8 Uhr in der Tageschau am Fernsehen.


"Die Verbindung zu den Ahnen klappt nicht mehr. Das wird katastrophale Auswirkungen haben. Seelen sind auf beiden Seiten blockiert. Stimmen eingeklemmt. Bald werden über alle von uns das Stöhnen und Wimmern dieser Geister hereinbrechen. Die Ahnen werden böse zu rumoren beginnen... Die Personen - es müssen mehrere sein, die diese Tat begannen haben, werden in kurzer Zeit feststellen, dass diese entwendeten Drähte bald böse zu summen und klagen beginnen. Sie werden den Tätern keine Ruhe lassen. Etwas Schreckliches wird passieren. Und so bitte ich, im Namen der Ahnengeister auch der Täter, gebt diese Drähte zurück, damit die Kommunikation zwischen Lebenden und Toten wieder funktionieren kann. Jetzt ist alles verkropft und verkrampft."

Es kam alsbald zu massenhaften Anrufen mit den seltsamsten Feststellungen. Leute hörten Stimmen; Leute sahen hier und dort drohende Lichter in der Nacht; Leute meldeten heisse Zonen. So etwas hatte die Polizei noch nie erlebt. Bereits am kommenden Morgen ergab sich ein genau geografisches festlegbares Schwerpunktgebiet. Der Verdacht verdichtete sich auf eine einzige Township. Die Polizei teilte jedoch der Öffentlichkeit davon nichts mit.

Wiederum geschah ein Tag lang nichts. Die Polizei durchstreifte und kämmte die verdächtige Township, ohne auf irgendeine Spur zu stossen. Ja, es kamen ihr sogar ernsthafte Zweifel. Es war nämlich der Ort, wo die Telecom ihr Materiallager hatte. Das musste wohl mehrere Leute auf diese falsche Fährte geführt haben. Würde jemand, der Drähte stehlen wollte, nicht hier direkt einbrechen? Hier lagen gelagert massenweise Rollen mit Kabel und Drähten oder gar Telefonstangen in einem grossen, aber abgeschlossenen Hof herum. Konnte es vielleicht ein Hinweis sein, dass irgendjemand, der bei der Telecom-Construction angestellt war, in die Reihe der Verdächtigten aufgenommen werden sollte?

Am nächsten Tag trat der Nganga am Abend wieder am Bildschirm in Erscheinung und sagte mit besorgter Stimme: "Durch die Hilfe der Ahnen wissen wir heute abend ganz genau, wo die gestohlene Leitung liegt. Ich habe auf Anweisung der Ahnen die Informationen zurückgehalten, weil unsere Ahnen möchten, dass sich die Diebe freiwillig melden und dadurch alles glimpflich - auch für sie - ablaufen könnte. Wenn sie sich jedoch nicht melden, dann werden die in den Drähten eingeschlossenen Stimmen, das weiss ich von ihnen, die Nächte für die Schuldigen zur Hölle machen."

Bis anhin hatten die Täter all das auch am Radio gehört oder TV gesehen und als Unsinn und Einschüchterung für Dumme empfunden. Sie lachten hämisch darüber. Mit solchen Tricks aus der Zeit des Aberglaubens werde die Polizei sie, moderne Techniker und Geschäftsleute, nicht leimen und sie nicht fangen können. Sie fühlten sich sicher.

In der Nacht geschah dann etwas Mysteriöses. Einer der Betroffenen hörte plötzlich ein ohrenbetäubendes Surren. Es nahm laufend zu und verschwand nicht. Er konnte ja keinem Kollegen telefonieren, denn auch seine Leitung war tot. Ohne es sich zu überlegen, griff er jedoch in voller Nervosität, die fast in Panik überging, zum Hörer. Daraus heraus hörte er - wie er später versicherte - die Stimme seines vor Jahren verstorbenen Vaters und dieser nannte ihn einen Folterer, denn er habe auch ihn in der gestohlenen Leitung entführt und von den anderen Ahnen-Kumpels abgeschnitten.

Total entnervt eilte er zum Haus hinaus und jagte schnurstraks wie ein Wilder zu seinem Kollegen und Mittäter. Dieser lachte ihn zuerst aus, holte einen Whisky und beide begannen zur Beruhigung zu trinken. Nach kurzer Zeit hörte der Zufluchtsuchende erneut die Stimme seines Vaters. Er fragte den Kollegen, ob er denn nichts höre?
"Nein!" erwiderte dieser harsch und entschlossen. "Bist du schon besoffen!"
"Gut, gut, dann weiss ich wenigstens, dass ich zu spinnen beginne."
Kaum hatte er seine Besänftigung ausgesprochen, da flog sein Kollege wie von einer Schlange gebissen und wie ein Verrückter hoch und schrie: "Hörst du, hörst du?"
"Was denn? Ich höre nur das von zuvor, das du ja nicht hören kannst."
"Ich höre eine wütende Stimme, die Rache schwört und sagt, wenn wir die Toten nicht sofort von der Telefonleitung wegnehmen, dann fliege das Haus in die Luft."
"Nein, das höre ich nicht. Du beginnst wohl auch zu spinnen. Komm lass uns weggehen. In die nächste Bar!"

Beide bestellten sich - dort angekommen - ein Bier. Doch schau da! Ein Dritter aus dem Bunde war auch bereits hier. Er setzte sich sofort mit seinem Bier zu ihnen. Die zwei Neuankömmlinge hatten unter sich abgemacht, an der Bar nicht über Telefonkabel und Stimmen und ja nicht von ihrem Erlebnis zu erzählen. Doch da begann der hinzugekommene Dritte im Bunde: "Wie geht's? Ich habe über diesen blöden Nganga und seinen Aberglauben zuerst gelacht. Nun aber halte ich es nicht mehr aus. Stimmen in meinen Ohren sagen mir, dass sie mich solange wirr durcheinander martern würden, bis ich sie aus den gestohlenen Drähten entlasse."

Die ganze Sache wurde für die Betroffenen zum Wahnsinn. Sie wurden weich und holten die zwei mitbeteiligten Lastwagenfahrer, die auch schon Stimmen hörten, und beschlossen, noch in der gleichen Nacht die aufgerollten Drähte wieder aufzuladen, zurückzuführen und auf dem Gelände einfach hin zu kippen."

So geschah es. Niemand sah sie und ihre Tat. Am anderen Morgen entdeckte die Polizei etwa um 8 Uhr die Kabelrollen mit den Drähten. Von den Tätern jedoch fehlte jede Spur. Die Spuren von zwei Lastwagen führten ins Lager der Telecom Construction Abteilung.

Diese Telecom liess cool bekannt geben, dass sie aus Grosszügigkeit und zur Erlösung der Seelen, die Kabel zur Reparatur dorthin gefahren hätte. Sie stände schliesslich im Dienst des Volkes und hätte niemals zulassen und dulden können, dass Ahnen derart grausam gefangen gehalten würden. Sie selbst würde alle Kosten übernehmen, um die unterbrochene Leitung zu Lebenden und Toten wieder herzustellen.

Genau aufgeklärt wurde der Fall nie. Für die Menschen war es wichtig, dass Leitungen und Drähte zu allen nah und fern, oben und unten, zu Ahnen und Freunden wieder lebten und frohe Botschaften summten.


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Al Imfeld©
al/6.7.94