Geschichten um zwei Mostfässer

GESCHICHTEN UM ZWEI MOSTFAESSER

Eine Versteigerung auf einem Bauernhof ist ein trauriges und hektisches Ereignis. Es hat sehr viel Aehnlichkeit mit einer Beerdigung im ländlichen Gebiet. Vor lauter Kommen und Gehen von Anteilnehmenden und Wunderfitzen kommt die betroffene Familie nicht zur Ruhe und somit auch nicht zum Sinnieren und Trauern. Selbst in einer tragischen Lage wie des Todes eines Menschen oder eben eines Hofes zeigt sie Würde. Statt einer stillen oder passiven Entgegennahme des Bedauerns stellt sich ein in ein Zeremoniell der Gastfreundschaft verstecktes Aufbäumen. Wohl so wie einst bei den nordamerikanischen Indianern, die in bestimmten Momenten das von ihnen geforderte Opfer mit dem alles oder nichts überboten. An einem solch traurigen Tag zeigt sich Sorge um die andern besonders stark. An einem solchen Tag ist jeder Gast. Most ist da; Kaffee wird den ganzen Tag gekocht; Brot und Speck werden serviert. Es ist eine magische Beschwörung: wer schon verliert, wirft auch noch den Rest nach, fast frevlerisch nachrufend: "Du kannst mir ja!" und so hoffend, dass alles einmal zurückkommt. Es ist ein Aufbäumen, Groll und Zorn sind getarnt mit Grosszügigkeit und Verschwendung. "Wenn schon ein Opfer, dann ein richtiges! Aber, bitte, du schäbiger Geist, ein Opfer fordert etwas zurück!"

Ich war an diese Versteigerung gekommen, um einerseits in die Nachbarschaft meiner Jugend zurückzukehren und andererseits um zwei Mostfässer nochmals zu sehen.

Ihr könnt es nicht glauben, dass für mich in diesen zwei riesigen Mostfässern immer mehr denn alter oder "rässer" Most war und dass diese Fässer etwas vom Geheimnis des Lebens enthielten. Und die sollten heute versteigert werden? Hätte ich Geld und Raum gehabt, ich glaube, ich wär sie gegangen. Das waren nicht bloss Fässer, sondern magische Küchen, in denen für ein Vierteljahrhundert ein seltsames Lebenselexier gekeltert war.

Ich bin exakt am Ende der Mösteler Zeit aufgewachsen. Es war die Kriegszeit und danach, bis der Mensch im Fortschritt das Mostzeitalter hinter sich liess. Da gab es alte Knechte, die weder die Armee noch die Landwirtschaft weiterhin brauchen konnte. Ein lebenslanges Dienstbotenleben hatte ihren Körper ausgewunden und zerschunden. Sie wurden verstohlen in Armenhäuser oder Bürgerheime gesteckt und dort sehr oft wie Versager behandelt. Begreiflich dass es einige dort kaum hielt, höchstens im Winter, und sobald der Frühling kam, besuchten sie die Bauern und versuchten, ihren letzten Resten christlichen Mitleids zu rühren. Vielleicht gab es einen halben Tag Arbeit und somit mindestens Most und, wenn sie besonders Glück hatten, ein Kafi Schnaps. Schliesslich gab es einen alten Bauernspruch, der sagte: "Einen Most müssen sie einem geben!" Ja, "e Moscht müend si eim gäh". Wer es nicht tat, musste früher oder später entweder mit Gottes oder der Menschen Rache rechnen. Und so wie alle gläubig waren, waren sie auch abergläubisch.

Es gab eine kleine Schar, die wir alle nur Mösteler oder Möstler nannten, denn sie schienen von nichts anderem als Most zu leben. Wir Kinder liebten diese Mösteler. Wir kannten sie bei ihrem Uebernamen und sie hatten sich längst an die Kinderart des ihnen Nachrufens gewöhnt, wie: "Chabis Seppeli" und "Moscht Seppeli". Sie erzählten uns gerne unmögliche Geschichten, trieben mit uns Schabernack und neckten uns. Meistens bekamen sie dann nach einem fast endlosen Zeremoniell (aber sie hatten ja Zeit) von der Mutter ein Glas Most.

Imfelds waren bei den Mösteler besonders beliebt. Das mochte viele Gründe haben, doch den tieferen wussten die Most-Spezialisten lange nur unter sich. Wohl gab es bei Imfelds viele Kinder und Imfelds waren Kleinbauern, die keinen Knecht für immer zu halten vermochten und daher war zu bäuerlichen Stosszeiten wie beim Pflanzen, Ernten oder Dreschen wahrscheinlich für zwei
drei Tage Arbeit zu haben. Imfelds waren zudem für Grosszügigkeit bekannt.

Doch sie kamen vor allem wegen des Mosts. Der Most bei Imfeld war etwas ganz Besonderes. So hatte es die Runde unter all den Möstelern gemacht. Und sie wussten auch, warum. Der Imfeld machte Birnenhonig und kaufte zu diesem Zweck die Theilersbirnen der Gegend zusammen. Für sich machte er Most aus Gelbmöstlerbirnen und dafür besass er zwei Riesenfässer, in denen der Most einen eigenen Lebensgeist erhielt.

So wurde erzählt, ohne dass Imfelds davon wussten oder es merkten. Erst später in den Ferien meiner Studentenzeit traf ich den uralten Moscht Seppeli, der mir anvertraute, dass Imfelds Most "einfach ein Geheimnis" blieb und enthielt. Dieses Besondere habe in den zwei Fässern gelegen. "Dort drin muss eine Mutter liegen, die direkt am Quell des Lebens angeschlossen ist," sagte er sehr, sehr bedächtig und ganz andächtig. Ich nahm das einfach zur Kenntnis, habe wohl damals darüber gelächelt, aber, gottlob, blieben seine Worte in meinem Gedächtnis.

Es war ein schieres Wunder damals, dass diese Mösteler alt wurden und kaum sterben konnten. Der eine ging mit über 90 noch auf den Höfen um; ein anderer starb kurz vor dem 85. Geburtstag; andere mussten zwischen 75 und 90 sein. Da predigte der Pfarrer immer wieder gegen den Alkohol und die Trunkenheit und sagte alles nur Schlechte über Most und Kafi Schnaps. Nicht nur wurde mit Fegfeuer gedroht und bei Unnachgibigkeit von schwerer Sünde gesprochen, sondern auch auf die schädliche und gar tötliche Wirkung von Alkohol in diesem Leben verwiesen. Doch an diese Mösteler dachte der Pfarrer nicht; sie figurierten scheinbar nicht in Pfarrers Welt. "Von Most und Schnaps allein kann niemand leben," mahnte er zwar, doch die Mösteler konnten das anscheinend. Und selbst wir Kinder glaubten ihnen.

Wir Kinder wussten natürlich nicht, dass diese Mösteler nur tagsüber unterwegs waren, nachts jedoch im Heim schliefen und morgens einen Milchkaffee mit einem Stück Brot erhielten.

Moscht Seppeli liess stets den Milchkaffee stehen und fauchte furchtbar jeden Morgen: "So etwas setzt man alten Mannen vor! Eine Schande! Umbringen wollen sie einen gar noch. Das ist für Frauen und Kinder. Ein Mann trinkt Most oder Kaffee Schnaps. Alles andere ist Gift. Ist Vergewaltigung. Ist Entmännlichung." Mit diesen Flüchen machte er sich auf die Suche nach einem Most und der Verlängerung des Lebens. Das Brot steckte er in die Hosentasche, denn nach seiner Ueberzeugung sollte ein alter Mann nur altes und trockenes Brot essen, wenn er älter werden wollte. Was wir alle also nicht wussten, Moscht Seppeli kaute - oder wie wir schon vor dem Kaugummizeitalter sagten - schiggte nach dem Most unterwegs sein altes Brot.

Dennoch muss damals der Most der Bauern und der von Imfelds im besonderen etwas Eigenartiges gewesen sein.

Auch für uns Kinder waren diese zwei Fässer ein Faszinosum im Keller. Wir mussten jeweils die enge, steile Stiege hinunter Most holen gehen. Tagsüber lagen diese zwei Fässer wie zwei Elefanten auf Eichenbalken aufgebahrt da. Unten in der Mitte waren sie gezapft und da wurde der Most in eine eigene grünliche Glasflasche herausgelassen. Zuerst sah er jeweils etwas trübe aus. Wir wunderten uns darüber. Nachts war das alles für uns unheimlich und es war eine Strafe schlimmster Art, bei Dunkelheit Most holen zu müssen.

Noch heute kaufe ich Süssmost mit der Bezeichnung "naturtrüb", bloss weil uns die Grossmutter erklärte, dass guter Most trüb sei. Sie konnte schwärmen und daraus eine ganze Schöpfungsgeschichte machen. "Seht ihr die kleinen Wolkenfetzen gegen den Rand verschwinden? Und die Nebelschwaden? Da drin sieht es wie zu Beginn der Schöpfung aus. Kleine Fische. Fäden. Wahrscheinlich Bindefäden zum Strang des Ursprungs." Und wir guckten durchs Glas und ahnten etwas vom Kommen und Vergehen.

Wenn jeweils ein Fass langsam leer wurde, kamen mehr solche Geisterschwaden in die Flasche vom Fass. Es hatte etwas mit der "Mutter" zu tun. Mutter wurde der Bodensatz der Gärsubstanz genannt. Sie war so etwas wie der Mutterkuchen des Mosts. Und ich glaube, in diesen grossen Fässern konnten solche Sekrete und Substanzen sich besonders wohl und wirkungsvoll entwickeln. Wahrscheinlich war das ein Teil des Geheimnisses dieser zwei Wundermostfässer. Da drin war im Kleinen die ganze Schöpfung, das Werden und Treiben der Welt enthalten. Tabernakel des Keimens und Gärens, von Mikroben und Spaltpilzen. Bodenständige Kruscht, aus der immer wieder gereifter Saft entstand.

Auf jeden Fall wurde da mit dem Most noch etwas extra zu sich genommen. Keiner musste also vom Most allein leben. Vielleicht schwamm tatsächlich in diesem Most etwas vom Leben.

Das, was heute die Ernährungswissenschaft trocken, und ohne Geschichten zu machen, aufzählt: Vitamine, Enzyme und - ich weiss nicht, was alles noch, all das war schon und lebte im Most. Dieser musste nicht wie nun gefiltert werden, damit er den Menschen als natürlich, klar und frisch erscheint, denn damals wurde dem Inhalt des Fasses vertraut. Der Most von heute ist eine chemische Komposition mit Additiven oder Zusatzstoffen, die diesen Most frisch und lebendig machen sollen. Heute soll Most Schein sein...

Most damals war wie etwas vom Ur-Meer in geheimnisvolle Fässer abgefüllt, in denen es weiter "mutterte". Most war gesund, wenn er selbst das Glück hatte, mit schöpferischen und mütterlichen Kräften zusammen im Fass zu rumoren und runen, zu rasten und reifen, zu ruhen und rauschen begannen. Und wurde er angezapft, so war das wie mit dem Stab von Moses, den er an den Felsen schlug und lebendiges Wasser hervorfliessen liess.

Niemand wollte auf der Gant die Fässer kaufen, denn die Zeit des Mosts war vorbei. Die Fässer waren ausgetrocknet. Die Ursubstanz oder Mutter war nicht mehr da.


Und heute, dreissig Jahre später, sind sie degradiert und verniedlicht. Das eine Fass wurde zu einem nostalgischen Gartenhäuschen und muss neben einem Gartenzwerg stehen. Wenn es wenigstens ein alter Mösteler wäre. Das andere Fass wurde zu einer Waldhütte umgewandelt, in der Wein, Bier und moderne Blöterliwasser gelagert werden. In einiger Distanz ist ein Feuerplatz zum Grillieren an Sonn- und Festtagen. Beide Fässer sind hohl und leer: aus ihnen kommen keine runende Kunden mehr; keine Geschichten entspringen aus hier mehr. Stellt euch vor, das letzte Mal beim Spiessebraten am Waldrand wurde das Radio im Eingang der Fass-Hütte aufgestellt. So wie der afrikanische Baobabbaum, der diesen Fässern gleichkommt, sind diese Quellen versiegt.

An der Versteigerung war es den ganzen Tag lang düster, trüb und drückend gewesen. Beim letzten Most und Kaffee mit Schnaps tauschte man auf harten Sitzen von Läden auf Harrassen Erinnerungen von einst aus. Da packte mich wohl die Most-Weisheit. Doch mehr. Ich hatte in diesem Augenblick so etwas wie eine Erleuchtung und sah meine Grossmutter und die Mösteler Hand in Hand als Weisheitsträger. Sie hatten eine Ahnung von Lebenssäften, Muttern und Nabelschnüren, von denen die einseitig Hochgestellten wie Pfarrer und Lehrer keine Ahnung hatten und... dass Weisheit nicht nur in Klosterbibliotheken sondern auch in Kellern lag.


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Al Imfeld©
14. Juli 1990