Smirnoff statt Whisky

Smirnoff statt Whisky 

oder
Wie die Welt sich neu mischt

Eine Stunde vor Mitternacht erreichte ich stark schnaufend mit meinen sechs Bypässen die British Business Lounge im 4. Stock des Nairobi Flughafens. Ich nahm sofort wahr, dass dieser Tag zu Ende geht, leere und halbleere Gläser, schmutzige Kaffee- und Teetassen uneingesammelt auf den Tischchen. In einigen Plüschsesseln schliefen ein paar orientalisch gekleidete Herren. Die Bar sah wie nach Überfall geplündert aus; in den meisten Flaschen war bloss noch ein Anstandsrest. Das Ganze machte einen traurigen Eindruck. Ein sonderbares fast endzeitliches Stillleben.

 

Zum vornehmen Abflugzeremoniell von Business Class Passagieren gehört ein Besuch in eigens hierfür errichteten Aufenthaltsräumen. Beim Check-in erhält der Kunde eine Extra - Karte, die sowohl zum Besuch als auch zu einem freien Getränk berechtigt.

In Nairobi muss diese Lounge allerdings buchstäblich im System eines Orientierungslaufes abgelaufen und um Ecken herum gesucht werden. Kommt man zur ersten Ecke, da steht bei der British Lounge ein abgedrehter Pfeil. Was soll das nun? Um die Ecke herum? Oder weiter und dann irgendwann später um fast 180 Grad abdrehen? Oder befindet sich irgendwo eine Treppe und der gekrümmte Pfeil will diese anzeigen? Oder ist das einfach britisch? Einfach just the other side around?

Nach drei solchen Krummpfeilen werden die meisten zum inneren Fluchen ansetzen, denn offen darf solches ein B – Class - Herr bestimmt nicht. Man beginnt sich zu fragen, ob sich denn das alles wegen eines Gratisdrink auch lohnt? Aber nach soviel Verwirrung und Steigung ist es schon zu spät umzukehren, zumal man spätestens jetzt annimmt, ja, jetzt muss ich um Gottes willen da sein.

Nach soviel enttäuschendem Mäandern betrat ich den Vorraum und gab meine Karte ab, um in die Bar einzutreten. Ein Schock war es, wahrzunehmen, wie alles dreinschaute. Es kam mir wie ein Bühnenbild eines britischen Theaters zum Thema Endspiel vor.

Ich nahm mir einen Sessel vor einem Tischchen, holte den Guardian, begann die Schlagzeilen zu lesen, war von dem ganzen Entourage deprimiert und wollte so schnell wie möglich weg, zumal ich bereits an den komplizierten Abstieg zum Einsteige - Gate 7 dachte. Ich bin bei solchen Einsteigezeremonien stets nervös und habe die quälenden Vorstellung, ich würde den Flieger verpassen. Wie also hier vom britischen Berg hinab, durch etwas hindurch, das einem exotischen Weltraumbahnhof glich.

Als ich im Guardian eine Schlagzeile über Toni Blairs Arroganz las, packte mich eine sonderbare Wut und mein Leben kam kurz vor Mitternacht zurück. Ich ging also an die Bar, wo eine Kenianerin, eine etwas korpulente Schwarze, servierte, und bestellte wie es bei mir so Gewohnheit ist einen Scotch, obwohl ich nur eine Flasche mit einem von mir noch nie gehörten Brand im Regal sah.

Die schwarze Frau meinte ganz ernst: „Sir, tun sie das nicht. Wir haben nur einen Whisky, und der ist schottisch und schlecht. Die Engländer verstehen von Whisky nichts, glauben sie mir. Die Briten haben einfach keinen Geschmack. Daher kaufen sie wohl auch den schlechtesten Whisky, den es gibt, ein.“ Sie redete und redet und gab mir eine grandiose Kulturlektion.

„Sie sind grossartig. Mein Name ist Al, und wie darf ich sie nennen?“

„Rose. Einfach Rose. Ja, Al. Ich empfehle dir einen Smirnoff.“

„Warum? Und das in einer britischen Lounge? Geht das zusammen?“

„Hier trifft sich die Welt. Die Briten tun jedoch noch immer so, als ob sie einfach darüber einen Schirm ausspannen müssen, um ausrufen zu können : That all is British.“

„Offerierst du mir also als Ausweg oder Protest einen Smirnoff?“

„Nein. Ernsthaft und ehrlich. Ich als Afrikanerin weiss, was gut ist. Ich bin von aussen hereingekommen. Diejenigen, die drin sind, wissen meist nicht, dass ihre Sachen verdorben sind. Sie trinken Piss und behaupten stolz: That’s the best of the world.“

Ich liess mir also einen Wodka servieren und genoss plötzlich das Durcheinander in der British Lounge vor dem Abflug der Swiss. Als ich die British Business Lounge verliess, schaute die Schwarze vom Abwaschbecken zurück und rief mir zu: „War der Smirnoff nicht gut? Komm bald wieder zurück.“

 

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Al Imfeld©
30. 10. 2005