Rösti Legenden

Rösti Legenden


Eine Rösti, die bezaubernd gelb glänzen soll, muss vor Sonnenaufgang gemacht werden, so hiess es einst im Luzerner- und Bernerland. Morgens früh musste daher entweder eine der Töchter oder die Magd an das Braten der Rösti gehen. Diejenige, die an der Reihe war, stand meist mit dem Melker auf. Wenn die Rösti zur Sonne werden soll, braucht sie Zeit in der Pfanne.

Die Rösti hat vieles mit einer jungen Frau gemeinsam: sie muss flattiert werden. Diese liebende Sorge muss in der Nacht beginnen, damit sie wie eine Sonne aufgehen kann.

 

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Die Rösti hatte nach dem Glauben der Emmentaler und Hinterländer Bauern viel mit der Sonne zu tun. Beide so ganz verschiedenen Bauernvölkchen hielten Sonne und Rösti als ehrgeizig und eitel; beide wollen sowohl das Gelb als auch die Rundheit für sich. Daher musste die junge Frau morgens früh, bevor die Sonne aufging, sich ans Röstibraten machen; denn wenn die Sonne aufging, liess sie es nicht zu, dass ein gleiches Gelb neben ihr ausstrahlte oder neben ihr zu glänzen kam.

Eine gute und alle stärkende Rösti musste also mit der Sonne gehen. Sie musste ihr im Stillen vorauseilen. Dieser Glaube war so stark, dass er mit der Zeit sich fast umdrehte und es hiess, ohne die Rösti als Vorläufer mit dem herrlichen Gelb, gibt es keinen schönen Tag. Die Sonne merkte nicht, dass sie von all diesen Röstis rund um den Napf abhängig war.

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Und wenn die Sonne streikte und nicht kam und schien, dann hatte die eine oder andere Rösti versagt.

Beide liessen sich von einer Abhängigkeit nichts anmerken. Jede meinte, die Sonne wie die Rösti, dass es an ihr liege, das goldene Gelb des Tages zu erzeugen. Fiel dieses Ereignis aus, dann schien eine der Röstis rund um den Napf schuld zu sein. Vielleicht hatte sich eine Magd oder eine Jungfrau verschlafen.

Vielleicht merkte die Sonne doch mehr und sagte sich, ihr dort unten rund um den Napf müsst doch auch einmal Schatten oder Regen haben. Vielleicht nahm die Sonne die Einbildungen der Rösti gar nicht wahr; sie hatte es auch nicht nötig, diese alte Dame.

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Die Rösti rund um den Napf hatte etwas Keltisches mit sich, auch wenn der Erdapfel erst viel viel später in diese Gegend kam. Das Keltische wirkte einfach nach und hatte stark mit dem Gold zu tun. Die Kelten werden ins Gold vernarrt und scharrten daher diesen Napf beinahe kahl, sodass es heute eigentlich bloss noch ein paar Goldschäumchen gibt. Der Zusammenhang zwischen Sonne und Gold ist klar. Die einfachen Leute, die nach den stolzen Kelten kamen, übertrugen nun manches aus der Urzeit in die neue Konstellation von Sonne und Rösti.

Deshalb muss die Rösti sowohl im Emmental wie im Hinterland so gelb wie möglich sein. Dieses Gelb am frühen Morgen hervorzuzaubern, ist wahre Volkskunst.

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Eine respektable Rösti hatte immer eine Nacht hinter sich. Die Kartoffeln mussten am Tag zuvor, am frühen Abend, gar gekocht werden und dann sich abkühlen lassen, um dann nach dem Abendessen am Familientisch gemeinsam geschält und dann wieder zur Ruhe gelegt zu werden.

Nicht alle Kartoffeln eigneten sich für eine Rösti. Es ist ein Paradoxon, dass der armselige Ackersegen, der den ganzen Winter im Keller gut durchhielt, also aus der Kälte und dem Dunkel kam und als Rösti zu scheinen anfing.

Die Städter mochten diesen Ackersegen nicht, aber sie wussten auch nicht, was letztlich eine Rösti ist.

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Der ganze Umkreis der Rösti ist fast eine Symphonie des Neids. Das geht bis zur Eisengusspfanne. Die einmal auserwählte Bratpfanne wollte dauernd für die Rösti reserviert bleiben. So gab es die Röstipfanne, die ausschliesslich für Röstis benutzt wurde. Diese Pfanne musste rund sein; sie war gross und schwer. Diese innere Rundung durfte einfach nicht mit etwas anderem als mit geraffelten Kartoffeln in Berührung kommen.
Erst wenn ein Mädchen diese Pfanne zu hantieren vermochte, war sie auf dem Weg zur Frau. Die junge Frau musste Kraft und Stärke beweisen. Der Umgang mit dieser Gusseisenpfanne stählte sie fürs Leben. Und die Rösti färbte auf ihr Gesicht ab und machte sie schön und als Frau begehrenswert.

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Schlussendlich kommt noch das Bratfett an die Reihe: dieses weiss ganz genau wie wichtig es ist und auch dieser Schmutz ist eitel. Wer das Schwein verachtet, wird niemals eine echte Rösti erfahren.

Kartoffeln und Schweineschmalz mussten wie Mann und Frau zueinander passen. Genauso wie man im Herbst ein Schwein schlachtete, kellerte man im Herbst die Ackersegen ein. Das Schweinefett wurde eingekocht und in einem eigens hierfür angefertigten Topf aufbewahrt.

Mit der Bratbutter ging das goldene Zeitalter der Rösti zu Ende.


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Al Imfeld©
Sonntag 18. Sept. 2005