Maggi-Würfel zwischen Magie und Macht, als Magnet und Machination

Maggi-Würfel zwischen Magie und Macht, als Magnet und Machination


Auf dem Hof vor der Endstation
l6. März l988. Als ich nach zwölfstündiger Nachtfahrt in den Nordosten Kameruns morgens um halb sieben fröstelnd im Bahnhof Ngaoundere aussteige, beginnen auf dem rot-staubigen Platz die Händler/Innen ihre Maggiwürfel-Pyramiden aufzubeigen. Ein Detail. Was soll's? Wäre alles den geplanten und westlich-entwicklungsstandard-gerechten Weg gegangen, hätte ich wohl diese Maggiwürfel-Bauten nicht beachtet und hätte etwas winzig Kleines, aber doch sehr Typisches, etwas Goldgelbes, magisch Ausstrahlendes,das erstaunlich gut zu den Termitenhaufen der Gegend passte, einfach übersehen. Gottlob traf der Zug fast eine halbe Stunde zu früh im Uebergangsgebiet zwischen Grasland und Steppe ein und, gottlob, kam der Generalsekretär der Universität zu spät, um mich abzuholen.
Niemals werde ich diese Maggi-Magien vergessen - genauso wenig wie die Pyramiden Aegyptens. Da schichteten Mädchen und Frauen und dort sogar ein jüngerer Mann diese kleinen Würfel aufeinander, begannen mit einem gleichseitigen Dreieck und rückten bei jeder neuen Lage etwas ein, wohl fast 50mal, immer die gelbe Seite mit dem roten Maggi-Stern nach aussen, etwas Zwischenraum für Luft und Träume, bis zuoberst solide fundamentiert der Sieger lag.
Andere bauten Wände oder Wälle auf. Oder waren das die Fronten potemkinscher Dörfer? Irgendwo zwischen Pyramiden und Potemkin strahlten diese winzigen Würfel ihre Machinationen aus. In dieser Umgebung von kupferroter Erde, rötlichem Staub, braunrötlichen Ameisen und einer eben aus Dunst, Staub, Sand und weichender Dämmerung aufgehenden glutroten Sonne wirkte dieses Maggi-Gelb wie ein Magnet. Dieser Würfel zuoberst war so etwas wie die fleischgewordene Versuchung oder der Aufruf zum Nimm, nimm, nimm, nimm und nimm solange es hat, nimm, noch einen, nimm und immer mehr. Ein inneres Leuchten - und es glich diesem unwiderstehlichen Gelb des Würfels - offenbarte mir blitzartig, dass ich genau hier den Ur-Beginn der Konsum-Leidenschaft auf einen Punkt gebracht erlebte.
In diesem Maggi-Kern ist die Explosion aller künftigen Welten enthalten. Die Entwicklung in die moderne und monetarisierte Welt beginnt mit cubes, mit dem Kubismus der Versuchung; ohne Versuchung kein Fortschritt; Maggi, der Kubismus der Esskultur, die Sehnsucht nach der Moderne.


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Nestlé, die Besitzerin von Maggi, kennt diese Spiele und Träume nicht. Dr. Klaus Schnyder, Stv. Direktor, schreibt mir am l6. Juni l989: "Über die Positionierung des Maggi-Würfels bestehen bisweilen Missverständnisse..." Dieser sei laut Buchaltung ein "kulinarisches Produkt". Man/frau wird gemahnt, doch nicht zu viel in diesen Cube hineinzuprojezieren und nicht mit ihm ganze Häuser in die Wolken zu bauen.

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Künstlich wie auf dem Mond-Hof
l7. 3. l988. In Ngaoundere, zwölf Stunden Bahnfahrt von der Hauptstadt Yaounde gen Norden entfernt, wird eine der modernsten, aber wohl auch der Wirklichkeit ver-rücktesten Universitäten der Welt gebaut. Der Traum ist, ein westafrikanisches Food-Technologie- Forschungszentrum im Geiste der Nestlé, BSN, CPC (mit Knorr) oder Kellogg zu haben.
Wohl in diesem Geiste liess das Pariser Architektenpaar zuerst alles Gras und Grün, alle Bäume und Sträucher beseitigen. Blutend und rot liegt das gigantische Gelände vor uns in der stechenden Sonne - vormittags um 11. Als nächstes wurden Avenues mit Kreuz- und Querstrassen wie zur Knebelung errichtet. l2 km mit 12'000 geisterhaften Strassenlaternen. An der Sonne brüten die Professorenhäuschen, denn die Architekten behalten sich die Herrschaft selbst über die Schatten vor. Nur auf Anweisung aus Paris und nur nach Programm des Computers kann Garten angebaut werden.
Im Hintergrund für eine erholsame Zukunft ein künstlicher Weiher, jetzt noch ohne Sträucher, ohne Scham, ohne Schönheit. Alle Abwasser aus der Hightech-Küche fliessen ungeklärt in diese Lache.
Der Generalsekretär der Universität hat mich von der Stadt l5 km weit entfernt in diese Technologie-Einsamkeit mithinausgenommen. Er ist auch ein bekannter Schriftsteller und hatte mir zuvor in seinem Haus in der Stadt ein handgeschriebenes Manuskript eines Funktionärromans gezeigt. Er lebt in zwei Welten. Zuhause auf dem Tisch und in der Küche stehen Maggi-Produkte. Es sei wegen der knappen Zeit, sagt er, doch er liebe traditionelle Küche.
Im Gegensatz zum Rektor, der ganz kalt, arrogant, formalistisch und letztlich desinteressiert ist, versucht er dieser zukünftigen Forschungstelle der Lebensmitteltechnologie etwas mehr als Hitze, nämlich Wärme, und etwas Farbe anders als diesen Braun-Brand zu geben. Ohne die Architekten in Paris anzufragen hat er erlaubt, dass auf diesem Mond- Campus MAGGI Cubes an einigen Ecken aufgetürmt werden dürfen.
Als er bemerkt, dass ich auf die Maggi und nicht den Glanz der Lampen schaue, entschuldigt er sich fast und meint: "Alles muss einmal klein beginnen. Natürlich werden wir bald an diesem Ort nicht mehr diese einfachen, fast primitiven Würfel haben, sondern afrikanisch entwickelte, hochtechnologisch hergestellte und in modernen Supermarkts gekühlt angebotene Instant-Lebensmittel." Ich frage ihn en passant, was er von diesem Maggi-Würfel halte. Seine Antwort: "Viel zu klein und daher wie das Bonbon im Reich des Zuckers. Die Frau beginnt und kann nicht mehr damit aufhören; der Mann muss es bezahlen. Zu wenig rational und daher ein Produkt, das die ökonomische Ordnung immer wieder durcheinander würfelt."

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Stv. Direktor Schnyder: "Der Maggi-Würfel ist ein Würzmittel, das offenbar auch den Afrikanern zusagt; wegen des geringen Preises kauft die Hausfrau bei ihrem täglichen Marktbesuch gerne l - 2 Stück davon - oder auch vom Konkurrenzprodukt." Und: "Der Cube ist nichts anderes als einer von zahlreichen Zutaten, welcher zusammen mit der einheimischen Gewürzpalette den gewünschten Geschmack ergibt." So sieht es wissenschaftlich nüchtern aus. Nicht mehr und nichts weniger. Ein Produkt der Food-Technologie.

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Potage africain
l8. Nov. l986. Als ich ins kleine afrikanische Restaurant 'Giraffe' in Garoua, einer Provinzstadt im Nordosten Kameruns, essen ging, wurde mir eine handgeschriebene plakatgrosse Speisekarte überreicht. Da war wirklich von A bis Z, von Avocado bis zu Ziegenfleisch, alles drauf. Das Lokal ist klein und hat offensichtlich selten Gäste. Ich war auch jetzt allein.
Majestätisch kam der Kellner mit Block daher. Ich bestellte Boa(-Schlangen)-Fleisch Er notierte sich das ganz langsam und reichte es schriftlich durchs Küchenfenster an den Koch weiter. Nach einiger Zeit kam durchs gleiche Fenster etwas Geschriebens zurück, der Kellner nahm es und kam an meinen Tisch.
"Monsieur, Boa haben wir heute nicht."
"Was soll ich wählen? Machen Sie doch einen Vorschlag, bitte."
"Monsieur, dazu ist die Speisekarte da. Wir haben alles ausser dem, das Sie eben bestellt haben."
Ich bestelle Fleischbrochetten. Dasselbe Prozedere.
"Monsieur, Brochetten haben wir heute nicht."
Ich spiele weiter. Schriftliches Hin und Her und stets die stereotype Absage: "Monsieur, das haben wir heute nicht."
Schliesslich habe ich eine afrikanische Suppe bestellt:
"Potage africain, s'il vous plait." Und gegessen habe ich eine Maggi-Suppe, offensichtlich ein Schweizerprodukt.
Wie aber wird die Maggi-Suppe afrikanisch?
Das habe ich später einen Fulani Wirt gefragt, weil die Fulani eine Tradition der Kleingaststätten haben und wirklich sich um eine kamerunische Küche bemühen. Er holte weit, weit aus und gab mir eine spannende Lektion über die "Entwicklung afrikanischer Restaurantskultur". Die geschriebene Speisekarte ist ein Produkt der Entwicklung und der Demokratisierung, stellte er philosophisch fest. Früher hätte es auf dem Land nur die Gastfreundschaft gegeben. Bloss an Handelswegen gab es Herbergen. Doch da gab es schlicht und einfach stets das gleiche Tagesmenu.
"Doch mit der Entwicklung kamen die Weissen, mit ihnen die Schulen, mit ihnen das Geschriebene; zur Entwicklung gehörte bald die Speisekarte mit (vorgegaukelter) Auswahl, denn diese Speisekarte ist nach unserer französischen Erziehung das Abbild vom Wahlzettel. Da es keine Demokratie ohne Auswahl gibt, gibt es nun auch keine Speisekarte ohne Auswahl."
Wie die weissen begannen die afrikanischen Gastwirte mit der Entwicklung Schritt zu halten. Diese Karten seien für Europäer da. Als Afrikaner bräuchte man so etwas nur in der anonymen Stadt. Auf dem Land käme selten ein Europäer vorbei und wage es in ein afrikanisches Bistro zu gehen. Wenn schon einer komme, wähle er stets etwas Europäisches. Doch um der Entwicklung willen und um zu beweisen, dass auch der Afrikaner mit dabei ist, kommt es also zur potemkinschen Speisekarte.
Mit der afrikanischen Suppe verhalte es sich so. In dieser klimatischen Lage und sozialen Situation ist eine längere Lagerung schwierig. "Durch Schweizer Missionare kamen wir auf Maggi. Seitdem wir Entwicklung machen, haben wir Maggis Würfel und Suppen. Diese sind praktisch für alle und daher ist diese Suppe unter uns Afrikanern so beliebt, dass wir sie sehr oft einfach potage africain nennen."

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Dr. K. Schnyder: "Der Maggi-Würfel wurde l908 in Europa lanciert und wird heute im Prinzip in unveränderter Form in der ganzen Welt verkauft. In der Schweiz z.B. in Packungen, in Afrika meist als lose Würfel.
Die Fusion Nestlé-Maggi erfolgte l947. Zu jener Zeit und schon vor dem 2. Weltkrieg dürfte der Würfel durch lokale Importeure nach Afrika eingeführt worden sein. Wir haben keine Angaben darüber."
Wissenschaftlich und ökonomisch hat der Maggi-Würfel nichts mit einem Nahrungsmittel zu tun. Wenn die Leute statt Sauce Suppe daraus machen, ist das ihre kreative Freiheit. Schnyer unterstreicht in einem Schreiben auf französisch, das er mir "z.K." beifügt: "Ich möchte zunächst einmal präzisieren, und das ist mir sehr wichtig, dass der MAGGI Würfel eine Würze ist, die den Haupt- Zweck verfolgt, den Geschmack von Lebensmitteln zu erhöhen und deshalb keine ernährungsmässige Funktion übernimmt." (Aus dem Französischen)

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Der Cube MAGGI als Währung
29. l2. l988. Von Guineas Hauptstadt Bissau fuhr ich in die entlegene Ostprovinz, im Sektor Boé zum Dorf Béli: auf ferralithischem Gestein mit tonartigem Boden, von alten Flussläufen zernagt; mit einer Fähre setzten wir über, kamen ins karge Hügelland angrenzend ans französische Guinea und hatten gefühlsm.ssig wirklich alle Zivilisation hinter uns gelassen - ausser diesen allgegenwärtigen Maggiwürfel. Dieser war wirklich wie die Termiten bereits in alle Gegenden vorgedrungen. Bei jeder kleinen Wegkreuzung zu verborgenen Dörfern oder verlorenen Höfen stand ein kleiner Laden aus ein paar Stecken und Knebeln bedeckt mit Gras oder Blättern. Davor sassen ein paar Menschen und waren froh über jede/n, die/der vorüberkam. Armselig waren diese ländlichen Lädeli bestückt. Maggi Würfel fehlten jedoch nie.
Ich fahre zusammen mit Entwicklungshelfern vom deutschen Weltfriedensdienst in ein modernes Pfahlbauerndorf ein: auf Stelzen stehen die Container, in denen alle für die Entwicklung und auch deren Helfer nützliche Sachen verpackt angekommen waren und immer wieder kommen - wie Kinder - jedes Jahr einer mehr. Daneben in Reih und Glied die Toyota Land-Cruisers und Lastwagen. Béli besitzt auch einen Volksladen, in dem wichtige Dinge für den täglichen Gebrauch von der Seife bis zum Speiseöl, vom Coca Cola und Fanta zu Tee und Zucker, Kleider, Nylonschnüre, Fischgarn oder neuerdings ein paar Sicheln und Giesskannen zu haben sind. Darin hat auch ein Karton mit Maggiwürfeln Platz: 1000 Cubes. Aufdruck: Made in Switzerland.
Ich komme wie ein Entdeckungsreisender nicht aus dem Staunen heraus. Nicht nur befinde ich mich in einem sehr abgelegen Gebiet einer einst portugiesischen Kolonie, sondern auch in einem alternativen und ganz ökologisch angelegten Entwicklungspropjekt. Doch als Schweizer interessiert mich besonders die Anwesenheit des Cube.
Die Helfer kennen keine Geschichte, aber bedeuten mir, dass ein Würfel genau 50 Pesos wert sei und zur stabilsten Währung gehöre. Es gäbe in Guinea-Bissau keine 50 Pesos Stücke (mehr) und an seine Stelle sei der Maggiwürfel getreten. Ein Geschäft brauche einfach diese Cubes. Es sei zudem erstaunlich, dass über das ganze Land und bis weit hinaus, wohin der Transport sehr teuer ist, ein Maggi Cube immer 50 Pesos wert sei. Das bleibt so trotz aller Inflation. Das ist das einzig Feste hier!" bemerkt etwas zynisch der Agronom. Er beteuert zudem, dass nicht sie, die freiwilligen Helfer mit Autos und Containers, dieses Produkt einfahren. "Maggi war schon da, als wir kamen. Kommt über die Grenze aus Senegal, wo Nestlé auch produziert. Die Leute hier glauben, Maggi sei einheimisch - eben genauso wie der Peso. Das 'Made in Switzerland' kann niemand lesen.

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Im klärenden Brief vom l6. Juni l989 schreibt Dr. Klaus Schnyder: "Nestlé begann den Import der Würfel Ende der 50er Jahre in Liberia und in den 60er Jahren in Nigeria.
In Afrika wird der Maggi-Würfel heute in Fabriken in der Elfenbeinküste, in Ghana, im Kamerun, in Liberia, in Nigeria und im Senegal produziert. Es ist möglich, dass zeitweise auch gewisse Mengen aus der Schweiz importiert werden. Dies dürfte vor allem für jene Länder zutreffen, wo wir keine eigene Organisation haben, sondern Direkt-Importeure den Markt versorgen (z.B. Guinee-Conakry).

... Wir haben für die Grossisten festgelegte homologierte Listenpreise und geben für den Wiederverkauf eine Preisempfehlung. Wie der Detailverkaufspreis sich auf dem Markt einspielt, hängt von der momentanen Angebot/Nachfrage- Situation ab."
Einem währungsmässigen Zusammenhang zwischen Maggi und ihrer Standfestigkeit könnte nachgegangen werden.

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Frauen und Maggis Faszination
30. l2. l988. Die deutsche Helferin will, dass ich mitfahre, um in drei umliegenden Dörfern von Béli (G.-B.) mit den Frauen zusammenzutreffen, die Zwiebeln für den Markt und somit zur Aufbesserung ihres Geldes anbauen. Im Dorf Bataki zeigen mir die Frauen stolz ihre Zwiebelfelder. Auch die Maniokfelder hätten sie vergrössert. Sie würden stets gemeinsam arbeiten, obwohl jede ihr eigenes Beet habe. Mit einer Spritzkanne begiessen sie ihr Gemüse. Zurück im Dorf zeigen sie mir auch den Laden. Selbstverständlich ist Maggi da. Ich bin neugierig und in der guten Stimmung kann ich getrost Fragen stellen.
Sie sind erstaunt, dass ich ausgerechnet kritische Fragen über diesen kleinen Würfel habe. Eine Frau meint, ich sei ein Mann und auch ihre Männer hätten immer etwas gegen Maggi zu meckern. "Warum seid ihr so kritisch gegenüber diesem Würfel? Weil er uns etwas mehr Freiheit gibt? Oder seid ihr eifersüchtig und glaubt wirklich, dass dieser Würfel ein Gris- Gris ist. Unsere Männer sagen, wenn wir bei Gästen zum Kochen Maggi gebrauchten, schmecke diesen das Essen besser als sonst und das würde als Liebeserklärung aufgefasst. Unsere Männer meinen, Maggi sei schuld, wenn andere Männer uns begehren."
Alle versichern mir, dass Maggi einfach gut und genüsslich sei. "Natürlich könnten wir ähnliche Saucen machen. Aber das braucht Zeit. Doch wenn wir jetzt den Zwiebeln und dem Maniok nachgehen, fehlt uns dazu die Zeit. Entwicklung nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Heute sind wir den ganzen Tag beschäftigt. Es fehlen uns die zwei Stunden für die Herstellung der Sauce."
Alle reden von Entwicklung und wollen modern werden. "Eine moderne Frau braucht drei Dinge," sagt eine Frau mit zwei kleinen Kindern am Gewandzipfel, "und dazu gehören für die Frau der Büstenhalter, als ein kleines Geheimnis gegenüber dem Mann die Maggiwürfel, und für die Kindere Nido Babymilch." Eine andere glaubt, ich möchte ihr diesen Luxus nicht gönnen und sagt etwas aggressiv: "Fragst du die Männer in der Verwaltung auch, warum alle oben in der Jackentasche eine Schachtel Marlboro stecken haben, auch wenn darin nie Zigaretten dieser Marke sind? Und warum müssen alle einen Bic-Kugelschreiber haben? Oder warum tragen sie kleine Aktentaschen meist ohne Inhalt? Alle brauchen etwas zum Prestige. Für uns Frauen sind dies Kleider, Parfüm, Schmuck und nun eben auch Maggi."
Dass etwas von aussen komme, das ist für sie kein Kriterium. Vehement beweisen sie mir mit allen nur möglichen Argumenten, dass alles von aussen komme. "Auch der Islam kam einst von aussen. Euer Auto kommt von aussen. Männer rauchen Zigaretten und trinken Bier: sie kommen auch von aussen und werden sogar hereingeschmuggelt. Wir wollen das. Niemand zwingt es uns auf. Wir wollen die Entwicklung und so sind auch Giesskannen und Kunststoffbehälter, die neuen Hacken und Rechen von aussen gekommen." Die Giesskanne kostet 700 Pesos, der Maggi-Würfel 50. Das ist für die Frauen fair. Sie schätzen es, dass der cube im Haushalt sehr praktisch ist: "Er hält sich gut und lange; er ist sofort bereit und sehr appetitlich; er ist ein kleiner Künstler oder Verführer." Als wir lachend auseinandergehen, ruft mir eine Frau scherzend nach: "Falls er aus der Schweiz stammt, seien Sie auf diesen Maggiwürfel genauso stolz wie die Amerikaner auf Coca Cola!" Ich spüre, dass der Cube mehr als Sauce ist.

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Monsieur le directeur adj. kommt auch auf die Spur der Cube-Erweiterung und lässt im beigehefteten Schreiben vom 23. 7. l986 auf fast widersprüchliche Weise durchblicken, dass der Würfel nicht immer und überall gleich ist und wohl doch mehr als nur Würze sein kann:
"Obwohl nie versucht wurde, ein Lebensmittel draus zu machen, und in diesem Sinne auch keine Publizität gemacht wurde, hat Nestlé dem MAGGI Würfel bestimmte Zutaten beigemischt, welche an gewissen Orten vorhandene Mängel beheben helfen, wie z.B. die Beifügung von Iod gegen den Kropf." (Komposition liegt bei) (Original ist französisch)

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Über Maggi redet Nestlé nicht
Anfangs Januar l989. Ich möchte einmal mit einem Nestlé-Menschen über diesen facettenreichen Maggi-Würfel sprechen genauso wie ich es mit Frauen und Köchen, Händlern und Bäuerinnen, ja so, wie ich selbst mit dem Uni Gen. Sekretär getan habe. Aber es will mir nicht gelingen: seit etwa fünf Jahren habe ich das in Westafrika an den verschiedenen Orten, wo Nestlé anwesend ist, versucht. Doch ich wurde immer wieder abgewimmelt und in der Elfenbeinküste genauso wie in Ghana verwiesen mich die Nestlé Verantwortlichen stets an die Zentrale in der Schweiz. Ein Vertreter in Abidjan/Yopougon sagte mir übers Telefon: "Ich wüsste gar nicht, was ich Ihnen über Maggi erzählen könnte. Wenn auch die Ivoirianer als Maggi besessen gelten, reden wir nicht über Maggi. Von der Geschichte und Folklore weiss ich nichts, ich gebe mich mit einem Verkaufsprodukt ab. Über Zahlen können Sie sich zuhause oder im Jahresbericht orientieren."
Nun versuche ich es in Senegals Hauptstadt Dakar, da ich nach meinem Besuch in Guinea-Bissau ganz gwundrig bin und noch mehr auf den Grund dieser Gris-Gris gehen möchte. Drei Tage nacheinander telefoniere ich, doch niemand fühlt sich zuständig oder tut so, als ob er überfragt wäre.
Wie bei ganz heiklen politischen Spannungen kommt schliesslich ein abtastendes Gespräch zustande, das informell sein muss, nicht verwendet werden sollte, rein persönlich und erst noch auf neutralem Boden in der Bar eines Grosshotels. Bei drei Whiskeys wird mit einem Monsieur Nestlé Privé über Gott, die Welt, Afrika und Senegal small getalkt. Er gibt sich so, als ob er wirklich nichts über Maggi wisse. Er will mir nicht einmal verraten, ob dieser Würfel auch in Senegal hergestellt oder woher er importiert werde. Von der Verteilung oder einer etwaigen Verbreitung wollte er schon gar nichts wissen. Wie das Volk über Maggi Cube denke und was dieses darum herum aufbaue, das interessierte ihn nicht. Nur das eine gestand er mir zu und hatte dabei schon Angst, er könnte dafür gar des Verrats beschuldigt werden: "Das Geschäft mit kulinarischen Produkten läuft in Westafrika gut."
Wir verabschieden uns und er versucht mich ein bisschen alkoholselig zu trösten: "Hier geht es halt prosaisch zu. Im Geschäft gibt es keine Geschichte. Und Geschichten - die werden von euch Journalisten und Schriftstellern gemacht." Ich komme mir wie ein Fallensteller vor. Zwei Tage später lese ich in der senegalesischen Tageszeitung Le Soleil, dass am Tag zuvor ein wichtiger neuer Baustein zu einer Maggi-Produktionsstätte im Industriegebiet Dakars gelegt wurde und dass Nestlé etwas gegen verhungernde Kinder in Senegal tun wolle. Warum muss ich das aus dem Regierungsblatt vernehmen? Aus einer Zeitung, der ich im offiziellen Bereich wenig Glauben schenke. Das Blut steigt mir in den Kopf. Ich werde wütend.
Sind nun eigentlich solche Produktionsbetriebe im Dienste des besseren Geschmacks und einer Bereicherung der lokalen Nahrungspalette bereits wie Rüstungsunternehmen zu handhaben?

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Wieder einmal zuhause habe ich mit der Zentrale in Vevey Kontakt aufgenommen. Ich wollte mit jemand, der mir etwas über Maggi in Westafrika sagen konnte, plaudern. Doch meine erste Anfrage für ein Gespräch war zu vage. Ich musste klare Fragen, die ich gar nicht hatte, formulieren. Auf diese gab mir der stv. Dir. Dr. Klaus Schnyder "im Rahmen des Möglichen" Antwort. Dazu legte er jenes scheinbar grundsätzliche Schreiben auf Französisch bei. Beide sind hier voll zwischen die Geschichten eingeflossen. "J'espère que ces informations vous permettront de mieux comprendre le concept du cube Maggi."

 

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Al Imfeld©, Zürich 26. Juli l989