Der Stausee im Härdöpfelstock

Der Stausee im Härdöpfelstock

Zum Familientreffen mit Mittagessen anlässlich meines 60. Geburtstags habe ich Braten und Kartoffelstock mit sehr viel Sauce gewünscht. Und ich kann euch bestätigen: das Essen war abermals würdig verreckt oder eifach s'Maximum.

Alle anwesenden Geschwister und alle Angetrauten, selbst die Nichten und Neffen waren bald nicht nur beim Essen, sondern beim Stauseenbau und den entsprechenden Abläufen oder Entsorgungen. Beim Tiefergraben und Umformen lösten sich die Zungen und es begann ein Sprudeln von Erinnerungen und Geschichten. Ich kann bestätigen, dass dieses Essen (heute eine Anleitung eines Energie-Guru zu empfehlen) noch immer die Zungen löst und tiefsinnig träumen lässt.

Alle in der Familie erinnerten sich entweder an ihre Jugend oder die Kriegszeit, an die bäuerliche Vergangenheit und das sonntägliche Mittagessen. Die Mutter bereitete regelmässig, fast rhythmisch, alle sieben Tage einmal einen Braten vor. Dieser Braten roch schon lange voraus und verroch langsam während der Woche. Je näher der Sonntag kam, desto mehr begann der Braten in vielen Aromata zu riechen. Und als dann neben des Bratens noch eine Sauce mitzuriechen begann, verwandelte sich wöchentlich die Welt. Es entstand nicht bloss ein Essen sondern die Sonntagmittagsstimmung. Diese Verwandlung war nicht nur oberflächlich oder gar eingebildet. Sie packte sowohl den Fremden als auch die Gäste. Diese Stimmungsmache vermochte dieser Braten derart tiefschürfend zu erwirken, dass selbst heute beim entfernten Riechen des Bratens nicht nur Erinnerungen anspringen sondern auch Denkprozesse und Dichtungen ausgelöst werden. Ganz wichtig für uns heutigen Menschen ist der Geruch des Bratens, der genauso weiterwirkt und fürs Leben stärkt wie das gewöhnliche Essen.

Um dem Ganzheitlichen auch nur etwas näher zu kommen, fordere ich von Kochbüchern der Zukunft Geschichten und Anleitungen für das Drum und Dran. Ich wünsche Kontexte und Inkulturationen. Das sind Erinnerungen aus ganz konkreten Vergangenheiten sei es im Napfgebiet oder im Arbeitermilieu vom Chrais Chaib in Zürich. Vergesst das Allerweltsrezept. Ich weiss, dass solche Saucen-Stauseen im Härdöpfelstock schweizerisch und zeitbedingt sind.

Zu einem guten Essen gehört mehr als ein Rezept, das - wie heute meist präsentiert - eine rein technokratische Gebrauchsanleitung ist. Wir brauchen mit dem Essen das Riechen und Fantasieren zurück. Ein Rezept muss so etwas wie eine Totenerweckung von Geschichten erwirken. Das Rezept sollte sich nicht schämen, mit einem östlichen Mandala verglichen zu werden. Selbst das Magische und Beschwörende versteckt als Amulett auf dem Teller - dürfen nicht verkannt werden.

Für uns Kinder war niemals das Fleisch des Bratens wichtig sondern die viele Sauce dazu. Das Fleisch erhielten zum grossen Teil der Vater und die Sonntags(zaun)gäste. Das störte uns Kinder nicht im geringsten, solange es genügend Sauce hatte und die Erwachsenen (die Mutter zählte zu uns!) uns den Härdöpfelstock und - nochmals sei's hervorgehoben - viel, viel Sauce übrig liessen.

Unsere Jugendzeit war noch die Zeit der Stauseen. Daher schwelgten unsere Gefühle mit Hilfe der Sauce in den Bergen und den Werken der Technik. Stauseen waren damals das, was AKWs heute (noch) sind. Beim Sonntagsessen dämpften auch Fragen davon. Es begann einfach mit "Wer vermag diesen Saucen-See am längsten im Stau zu halten und dennoch den Härdöpfelstock zu essen?" Es ging über und weiter zur Feststellung: "Einmal geht der Stock zu Ende und was geschieht mit dem See?" Natürlich gab es einen Trick: der Kartoffelberg musste wie bei der Sündflut von Sauce umgeben sein, um die im See angestaute Sauce nicht nutzen zu müssen. Aha, wir begannen schon damals, die Staussen zu umgehen. Ich glaube, wir alle haben damals beim Essen eine ganzheitliche Bildung einmaliger Art erhalten. Architekten und Landschaftsgestalter, Theologen und Philosophen entstanden beim Härdöpfelstock. Wir lernten riechen und schmecken, sehen und horchen (aus den Tiefen, wo die Geschichten vergraben waren)...

 

Rezept:
Um bei einer Generation wieder Geschichten für jüngere aus den Schüsseln dämpfen zu lassen, muss der Sonntagsbraten neu belebt werden. Es ist erwünscht und sinngerecht, heute statt Stauseen aus Sauce andere Varianten zu entwickeln. Vielleicht brät ihr lieber ein Huhn und nimmt die Knochen zum AKW-Bau. Etwas Sauce kann als Leckwasser anregend sein. Zum Härdöpfelstock und den entsprechenden Sorten: später.

 


&&&

Al Imfeld, Zürich 16. Jan. 1995 WoZ-Kolumne 1