PERRIER - Weihwasser des Kolonialismus

PERRIER - Weihwasser des Kolonialismus

Als Ed Wright, ein amerikanischer Journalist aus Los Angeles, zu Besuch im damaligen Rhodesien, im Club der Prominenten, ausserhalb Salisbury, einen Whiskey bestellte, wurde ihm gleich eine grünkeulige Perrier-Flasche mitserviert.

"Aha, diese (mit dem Zeigefinger auf die Flasche weisend) ist wohl zum Strecken da? Oh, man kann also doch Auswirkungen des Handelsboykotts ersehen?" warf Ed Wright in die Runde, der etwa 30 Männer. Er war auf dem Heimweg aus Vietnam l968 von seiner Zeitung mit einer Reportage über die britische Rebellenkolonie Rhodesien, in der 1965 die Weissen einseitig die Unabhängigkeit erklärt hatten, beauftragt worden.

"Sir, ihr Amerikaner versteht von der Lebenskunst nicht viel. Ihr kennt nicht einmal Perrier. Jeder Zivilisierte, ja, jeder der etwas von sich hält, mischt Whiskey mit Perrier." Erwiderte Mr. Ladner, ein rhodesischer Bure prompt.

Und sofort entspann sich ein interessantes Lehrgespräch über Perrier. Witzelnd zuerst, dann zynisch fuhr Mr. Mew, ein hoher Beamter im Landwirtschaftsministerium ein: "Kein Wunder, dass ihr Amerikaner den Vietnamkrieg verliert, denn wer nicht mischen kann, kann nicht gewinnen. Wir hätten euch statt Waffen Perrier schicken sollen. Wir wussten leider nicht, dass es euch am Grundwasser fehlt. Perrier, Mr. Wright, hat es in sich! Man muss halt Geschichte studieren! Vielleicht könnte man dann leichter Kriege gewinnen. Wissen Sie, dass bereits Hannibal mit seinen Soldaten Perrier trank? Und merken Sie sich, Cäsar hätte Gallien nie erobert, hätte er nicht mit seinen Soldaten im Perrier-Wasser gebadet. Wir Briten haben uns all das zugute gemacht. Unser Kolonialreich steht dank Perrier. Ohne Perrier hätten wir Männer die Kunst des kolonialen Lebens nicht so gut erlernt."

Ed wollte eine Reportage über die Tragödie von verlassenen Weissen im tropischen Busch von Afrika schreiben. Er kam aus Vietnam mit der Meinung, dass er durch die Vorgänge dort etwas von der Tragödie hier verstehen könnte. Doch er fand andere Verhältnisse vor.

In Salisbury, der Hauptstadt, die heute Harare heisst, konnte er sich sofort daheim fühlen. Es war
eine herrliche Stadt voller Parks und Bäume. Ja, die Briten verstanden etwas vom imperialen Stil des Städtebaus. Hier hatten sie hinein in die Natur, zwischen diese magischen Kopien, Granitsteine wie Skulpturen, eine Gartenstadt angelegt. Eine Idylle. Ein Genuss. Dazu kam etwas vom Geist des britischen Empires. Alles besass ein eigenes Parfum, einen Dunst der Verzauberung. Wer von ihm erfasst wurde, konnte daran - als einer eigenen Zivilisationskrankheit - erblinden; doch umso mehr trat nach solcher Blindheit eine Stimme von Law and Order hervor. Hier atmete selbst der Besucher etwas ein, das ihn mechanisch fast später zum Verteidiger dieser Grandeur machte. Umso verheerender war all das für einen Journalisten: es wurde den meisten zum Verhängnis. Denn abends im Club kam unweigerlich die Frage in den Raum: "Und all diese Pracht, diese Grosszügigkeit, dieses Grün, diese herrlichen Villen wollen sie der Primitivität der Neger, die dafür keinen Sinn besitzen, überlassen?"

Ed Wright war von Freunden davor gewarnt worden. Ihm wurde von einem geraten, etwa 12 km hinauszufahren, um rings um diese schattig lauschige Stadt das Elend der Hütten der verdrängten Schwarzen und jetzigen Diener, Pagen oder gar Sklaven zu sehen. Hier würde eine strikte Trennung zwischen Weiss und Schwarz, Schönheit und hässlicher Misere herrschen.

Doch nun kam das Gespräch auf das Mischen. Die Kunst des Mischens. Vom Zusammengehen von Whiskey und Perrier. Ed Wright spürte, dass er auf dem Sprung zum Kern der Widersprüche des britischen Kolonialismus war. Es lag in der Luft des Clubraums etwas von Religiösem und Mystischem; ja, der Raum mit den Ledersofas wurde zu einer säkularisierten Kirche von Männern an der Macht. Niemand hätte so etwas tagsüber begreifen können, wenn er die kühlen Engländer, die scheinbar so sachlichen Verwalter und Beamten traf. Doch abends im Club, an der Bar, da war alles anders. Ob man sich dort deshalb derart abschirmte, um nicht letztlich dem gleich Schwachen sein zweites Gesicht zu zeigen? Ob man nicht sogar deshalb keine Frauen zuliess, um nicht diese sentimental religöse Unterwelt dieser kolonialen Männer den Frauen, die man doch mit solchen Klischees abstempelte, zu offenbaren?

Ed Wright warf fragend und zweifend ein: "Mischen. Mischen? Ihr mischt also abends, aber tagsüber nicht! Ihr mischt doch nicht mit den Schwarzen? Was meint ihr denn mit der kolonialen Kunst des Mischens?"

Mr. Burke, ein hoher Beamter im Justizdepartement, kam mit einer Antwort wie ein Priester in den Raum: "Jeder Mensch braucht ein Wasser als Lebenselixier. Perrier stammt aus einer Wunderquelle in Frankreich, von wo auch andere heilige Wasser stammen. Wie Priester aller Kulturen Wasser über Menschen und Gegenstände sprinkeln, so haben wir diese Tradition übernommen und fahren damit nicht schlecht." "Das hat doch nicht viel mit Mischen zu tun!" warf Ed Wright ein. "Ich sehe den Zusammenhang nicht. Werdet doch konkret. Oder habt ihr mich bloss zum Narren gehalten?"

Ein Mann aus dem Gesundheitsministerium versuchte es zu erklären, etwas gehemmt, etwas verwirrt, etwas zerbrechlich: "Zunächst will ich sagen, dass... dieses Perrier, ja, dieses Wasser ... „as matter of fact“ therapeutische Kräfte besitzt. Würden wir hier in Afrika das Wasser der Neger trinken, würden wir rasch an Malaria oder Typhus sterben. Dieses Perrier, ja, kann mit einer Medizin verglichen werden, um tropische Krankheiten abzuwenden, um... ja, so wie im Glauben, ja, „as matter of fact“, als kleine geheimnisvolle Dosis, als beigemischte Kraft, die abwehrt, verjagt oder... Doch Perrier ist nicht für den Alltag. Nicht für die Küche. Nicht für die Frauen und Kinder. Es wird dem Whiskey im Club beigemischt. Es ist wie in der religiösen Zeremonie des Abendmahls, wo dem Wein auch etwas Wasser beigegeben wird. „As a matter of fact“, ja, Perrier ist für uns Briten ein einigendes Wasser über alle Kontinente hinweg... Wenn immer ein Beamter in eine andere Kolonie versetzt wurde, am Abend kam ihm diese bauchige grüne Flasche wie ein Muttersymbol, oder, oder ein Schoss oder... ein Daheim, sein Zuhause vor."

Einer aus dem Hintergrund erhob sein Whiskeyglas und die halbleere Perrierflasche und rief feierlich aus: "Perrier - das Band der Einheit!"

Ein anderer fiel ein: "Perrier - und dennoch die Kunst des Mischens! Man nehme von einem Teil nur gar wenig. Zur Masse hinzu muss die Kultur kommen. Bloss einige Tropfen - und alles ist anders."

Mr. Mew, der scheinbar die Geschichte von Perrier bestens kannte, schaltete sich wieder ein: "Im Essen und Trinken waren die Franzosen immer führend. Sie wussten, was sich für eine Tafel in einem Reich gehörte. Unsere Adeligen und die obere Schicht ahmte im Essen und Trinken stets die Franzosen nach oder gab sich eine französische Weihe. Wie es jeweils geschah, mag Zufall sein; doch wenn es geschah, konnte es zu einem historischen Ereignis werden. So auch mit Perrier. Ein Doktor Perrier, der das Wasser in der Nähe von Nimes ein Naturwunder nannte, fasste um 1900 nach zwei Jahrtausenden freien Sprudelns die Quelle, um sie endlich wirtschaftlich zu nutzen. Doch sein Erfolg war gering, bis drei Jahre später der spleenige Sir John Harmsworth, Mitbesitzer des Daily Mail in London vorbeikam und intuitiv sofort einen Zusammenhang zwischen Perrier und britischem Empire vor Augen sah. Er kaufte und hat den legendären Satz zu Dr. Perrier gesprochen: "Mit Ihrem Namen auf den Flaschen werde ich das Wasser in die ganze Welt verschicken." Er liess in seiner Zeitung die Geschichten von Hannibal und Cäsar, von Kreuzrittern und enterbten Adeligen verbreiten und wie sie alle dank Perrier-Wasser siegten oder wieder obenauf kamen. Er empfahl dieses Wasser den Verantwortlichen des britischen Reiches, in dem die Sonne nie unterging - ausser im Club (alle lachten)... Er liess diese Flasche, die wie ein Ursymbol wirkt, entwerfen. Er gab dem Produkt einen hohen Preis. Und so kam Perrier in jede britische Bar, die etwas auf sich gab. Erst 1948 wurde Perrier wieder französisch. Gustave Leven hat seither Perrier in andere Bars der hohen Welt gebracht. Und seither ist es nicht mehr ein Wasser der Kraft sondern eher des Trostes. Seither nämlich zerfallen
die Kolonialreiche und alles geht durcheinander."

Wer hätte geglaubt, dass diese Männer, die am Tag die harten, rational berechnenden, über allem Stehenden coolen Männer spielen, abends Geschichten aus der Märchenwelt horchen? Doch der britische Kolonialclub war stets ein Raum der Mythen und Männerreligionen.

Ed Wright warf etwas provokativ dazwischen: "Wenn ihr also dem Kolonialreich ein Denkmal setzt, wird es wohl die Perrierflasche sein?"

Mr. Longfellow, ein scheinbar intellektueller Beamter im Aussenministerium, äusserte sofort seine Zweifel: "Dazu ist es zu spät. Das geht nicht mehr, nachdem Perrier die Front gewechselt hat... Ohne man wolle denn dem Kolonialismus generell eine Markierung setzen."

Einer, der neben ihm sass, kam mit einer versöhnlichen Bemerkung; wie wenn es der Anstand gefordert hätte: "Ihr Amerikaner habt ja heute auch so eine Flasche und ein Getränk, die beide weltweit ihren Segen geben. Auch ihr mixt doch Whiskey mit Cola. Es vollziehen sich immer wieder dieselben Rituale und Zeremonien."


Ein Nachwort - 25 Jahre später
In der Zwischenzeit wurde Perrier ganz schön durch den Schmutz gezogen. Nachdem es drauf und dran war, die Yuppiewelt Amerikas zu erobern, fanden gnadenlose Produkte-Kämpfer, die heute vor keinem Heiligtum mehr zurückschrecken, dass die französischen Bauern dieses Wasser respektlos verschmutzt hatten. Sie hatten sozusagen mit ihren Kühen in die Prestigebars der Welt gepisst. Der Name war dahin. Der Reinigungsprozess begann. Dann wurden Dutzende von Millionen in die Werbung geworfen, um "Source Perrier - aus Frankreich - Prickelnde Elegante" anzupreisen: "Eine ziemlich geschlossene Gesellschaft, my Dear, nur Perrier wurde laufend geöffnet."

Doch haben es Wasser und Lebensmittel in sich: die eigenen schmecken nie so gut wie die, die von aussen kommen oder durch fremde Hände gehen. Nachdem also Perrier eine Kolonialzeit lang seine Pflicht getan hatte, wäre es nicht besser, es einem weiteren, einem neueren Reich zu verpflichten?

Nach einem langen harten Kampf landete Perrier dort, wo es - der Geschichte verpflichtet - hingehört: zu etwas Weltumspannenden, einem grenzüberschreitenden Grossreich - von Hannibal, der über die Alpen zog, und den Briten, die über alle Meere segelten, bis nun zu Nestlé. Die italienische Agnelli-Familie hat beim Gegenangebot nicht nur schwere taktische Fehler gemacht, sondern die tief religiöse oder auch missionarische Bedeutung solcher Wasser missachtet. Signor Agnelli war wohl bereits zu sehr durch sein Olivetti Büro- und Computerreich geblendet: er scheiterte am binären Denken, dem Entweder-oder. Nestlé verstand es, Nationalismus und Globalität klug zu mischen, Banken und Gerichte zu Freunden zu machen, Kleinaktionären gegenüber als grosser Verteidiger ihrer Interessen aufzutreten und der Monopolkommission andere kleinere Happen zum Abtausch anzubieten. Es war ein wahres Fitzend Misch-Geschäft. Source Perrier SA, heute mit verschiedenen Wassern aus Europa und Amerika geschäftlich vereint, konnte wieder der Welt angeschlossen werden. Perrier selbst, das magische Sprudelwasser, ist im grünen Schlund des Grössten der Branche gelandet: wieder würdiger Teil eines Weltreichs.

 

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Al Imfeld© 17. Mai 1992/91