Zweit-August-Rede

Zweit-August-Rede


DAS ANARCHO-FÖHN-WIRBEL WESEN
oder
Ein Ja zum Sosein


2. August. Ein Tag danach. Im Kater. Nach aus Frust durchzechter Nacht.
Fantasierend, assoziierend, im Kreis herum spinnend, eruptiv, anarchisch lallend und dazu etwas die Hand ballend.


1. Prozession aus der Höh
ERICH von DÄNIKEN streifte in die Ferne und blieb nie hoch über der Schweiz schwebend stehen;
auf alles blickte er erklärend-verklärend von oben herab - ausser auf seine Schweiz;
sonst hätte er festgestellt, dass die Ur-Schweiz

in illo tempore
von einem orkan-taifungewaltigen Ur-Föhnsturm
im Wirbel
auf einen Flecken hingeworfen
wie ein Kuhfladen versprutzt,
versteinert und vereist wurde...

In dieser ur-gewaltigen Wucht
wurde von Nah und Fern
alles durch die Lüfte gefegt,
um am Schluss in furibunder Wut
aus dem Strudel ein Gesudel
im Wirrwarr zu hinterlassen:
Fetzen und Zipfel von allerorts,
Barbaren aller Gattig,
ja, zur Beruhigung durch den Wolf gedreht
alles als Gestein und Geröll,
lauter Zufall und Abfall
von oben
in diese Gegend geschlagen
statt des Ur-Eis' ein urchiger Kuhfladen.

Ich wette, von hoch oben sieht das alles wild anarchisch aus:
so etwas wie das schweizerisch abgehackte Haupt des Holofernes,
aus dem dann wie lauter kleine Ebenbilder
lawinenhaft Alpenfratzen tropften
mit tiefen Furchen,
und viel Barthaare sprossen alle Krachen hinan und herunter,
mit Zwirbeltau das Ganze fassadenhaft belegten...

 

MAN WIRD AUS DEM GEMACHT, WAS HERUM IST.

Und so entstanden die Schweizer:
ein Resultat von föhnischen Wirbel-Raubzügen
in der Windhose mitgenommen,
bis erschöpft zusammengebrochen
und alles liegenlassend in der Ur-Schweiz.

Ja, dieser Föhnsturm riss überall etwas ab und weg -
weg in den Wirbel hinein -
schüttelte alles gehörig durcheinander,
und so sind denn die Urschweizer
von allen Ecken und Enden Zentraleuropas
Abgerissene, Mitgenommene, Zusammengewürfelte,
Durcheinandergebrachte,
Gewusel und Gesudel..

Und ihre Aufgabe war es,
aus lauter Resten und Stücken
ein einig Volk von Brüdern und Schwestern zu machen...

Ihre Existenz war keine andere
als ein compositum zu sein,
ein morceau choisi aus Resten und Rändern...

Wohl kaum eine andere Sicht ist möglich
nach einem derartigen Föhn-Urereignis:
verscherbelte Stücke,
verschüttet und zersplittert...

Das EINIG VOLK
stets ein Traum
ewig Halbierter.

Vom Werden kann auf das So- und Dasein geschlossen werden:
das Da-Sein ist stets die Ab-Folge des Werdens.

Ein Beispiel zum Beweis.
Die Schweizer mussten von Anfang weg versuchen
sich selbst und Dinge zusammenzurackern,
kleine Splitter und Balken, Fetzen und Zipfel
zu verschürzen und verzäpfen,
zusammenzusuchen, zusammenzufügen...

Doch sie waren so gehemmt,
schämten sich des Stückseins,
fühlten sich schuldig,
weil sie angeschlagen oder abgeschlagen waren.
Jede/r so allein dachte,
er/sie sei der/die einzige
Zerstückelte, Zerbrochene, Angeschlagene.
Und statt mutig aufeinander zuzugehen,
sahen sie sich alle als Fremde,
fremd war ihr erstes Wort,
'fremden' ihr Leben,
in die Fremde gehen der letzte Wunsch.
Sie verkrochen sich voreinandner,
in die Furten und Höhlen, die Wälder und Täler,
bergauf, bergab,
kaskadisch als Folge des Ur-Sogs...

Gottlob gab es die FRAUEN,
nach denen hatten sie eine verklemmte, stille Sehnsucht
und so geschah durch die Frauen das Zusammenkommen:
Staufacherinnen - ein matriarchaler Wort-Rest,
eine medusenhafte Erinnerungsmarke aus der Vorzeit -
bevor die Lüge vom Tell aus Männerscham entstand.
Die Männer schämten sich,
dass es die Frauen waren,
eigentlich Fremde,
zugeholte Fremde,
die Genossen scha(f)ften...

'Frömde' und 'gschämig tue':
das Wesen der Schweizerherren.

Die Männer schämten sich selbst ihrer Frauen,
versteckten sie,
liessen sie zuhause,
selbst am Sonntag nur zur Frühmesse,
im Dunkeln und verschleiert,
ohne Rechte nach aussen
(MAN konnte doch keine Schwäche zeigen!),
geachtet wie Fremde,
obwohl sie die Splitter zusammenbrachten,
Narben heilten,
nur die andere Seite ihrer Männer...

Sie wollten auch nicht wissen,
dass alle ausserhalb eigentlich Verwandte waren,
da sie nur von ihnen Weggewehte waren
aus der Lombardei, dem Tirol, dem Vorarlberg,
dem Schwaben- und Österreicherland,
aus dem Elsass und dem französischen Jura,
aus Burgund und Savoyen,
alle Stücke davon,
alle verwandt miteinander,
aber auch da haben sich die Schweizer ihrer Herkunft geschämt,
schotteten sich ab,
ihr Föhnfleck wurde immer wieder zum Schandfleck
für sie zum Reduit.
Die anderen - statt die verlorene Seite zu sehen -
wurden potentielle Feinde,
die bösen Buben, die lasterhaften Mädchen,
die man nicht riechen wollte und mochte.

Heute bestünde eine neue Chance.
Statt nach Brüssel scheel zu blicken,
sich mit den Eigenen in den Regionen zu verbünden
die sturen Grenzen voll zu öffnen,
um sich so in den Köpfen zu vergrössern;
um Nachbarn und Eigene zu EINEN
gegen Direktiven und diretissima
gegen Geometrie und Gerade,
die klinische Ordnung,
ja zu Regionen zu sagen,
die alle die anarchischen Wirbelursprünge teilen
kosmisch noch weiterkredenzt in Schneegestöbern
den Lawinen und Rüfenen
ihr Taufstein der Teufelsstein,
des Stein des Anstosses,
des Beginns lang bevor es die Rütliwiese frisch gemäht gab.

 

2. Umgang mit Kreuz und Reliquie
Da ich tolerant bin,
lasse ich auch andere Sichten zu.
Man kann von oben andere Bilder sehen;
doch, so glaube ich, das Eigentliche bleibt -
bloss aus anderen Bildfetzen.

Jemand könnte leicht eine SPINNE sehen,
eine gigantische schwarze Spinne -
in der Urschweiz sitzend,
und um sich herum erweiternd ihr Netz:
hinaus nach Luzern, ins Mittelland,
nach Glarus und Bünden hinein,
gen Bern, in den Tessin:
die Schweiz ein grosses Netz
mit der schwarzen Spinne inmitten,
die alle ins Garn lockt,
alle vernetzt, ohne dass sie es merken,
mit Silberfäberzieht,
die jedoch diese Schweizer blind machen,
und wie nach Schlaf nur Sand mehr in den Augen -
die Spinne nun selbst auf dem Auge,
schwarz, blind -
ein Star.

Doch eine Wirbel-Existenz offenbart sich auch hier klar.
Die Fäden sind schuld,
die laufen kreuz und quer, quer, quer und kreuz.

Diese Spinne im Netz zieht alles an.
Und so muss alles von Nord nach Süd und Süd nach Nord
durch dieses Netz
über den Gotthard,
wo die Spinne wacht,
die einen schätzt,
andere, Fremde bedroht...

Und mit der Zeit wurden die Schweizer selbst Spinnen
und sie wachten an den Durchgangsstellen
und frassen andere auf.

Ein magischer Bann,
Wille der Natur:
alles musste da durch
und Spinnen forderten ihren Zoll,
blockierten,
so dass für die anderen dieser Block
zum Teufelsstein wurde,
um den herum kaum zu kommen war.

So haben wir denn
neben dem Regionen-Compositum das Transit-Trauma.

Dieser Alpentransit mit den Säumerwegen
war aus Fäden voller Serpentinen,
die aber Schweizer zu glätten und 'gräden' begannen,
um immer mehr ins Zentrum anzuziehen
und davon zu profitieren...
So wurde aus der Schweiz eine Drehscheibe
zwischen Nord und Süd und Ost und West,
denn alle zog es an,
weil sie eben alle vom gleichen Stein und Holz waren.

Die Entwicklung ging rasend voran:
vom Esel zum Pferd,
von der Kutsche zur Bahn, bis die Gerade siegte,
das Überfliegen und die Röhren kamen.
Noch im alten Bann stehend
will - oder muss? - alles da durch
durch ein Anarcho-Stau-Bad...

Die Entwicklung ging rasend weiter
und so wurde der Durchgang
zuerst ein Reuss-Weihwasser-kessel
dann ein Zechenbad der Goldesel;
wurde aus dem Teufelsstein eine Bank,
aus der äusseren Drehscheibe der Bankencounter -
die Urschweiz verkleinert im Teller am Bankschalter
statt des Gotthards die Sicherheitswand dazwischen.
Aber musste es nicht des Schweizers liebstes Spiel werden,
es lag ihm im Blut,
solche Schalter zu drehen
und wie die Spinne stets dort zu sitzen,
wo es etwas zu holen gibt?

Die einen sehen von oben lieber die Spinne,
weil sie geübter oder gewohnter sind,
diese zum Kreuz zu christianisieren.
Aus Strassenkreuzungen ist der Weg krumm
zum Schweizerkreuz,
zum eigenen Kreuz
üht:
die Urschweiz ein gefälltes Kreuz
- typisch für den Föhn - von Süden her.

Eine Schweiz im Kreuz,
ein Kreuz - die Schweiz,
kreuz und quer,
alles kreuzt,
kreuzt sich hier.
Kreuzen im Föhn und in den Bergen,
Spinnen kreuzen,
beim Kreuzen begegnen sich alle,
auch die Wirbel- und Spinnen-Theoretiker,
die Dichter und Denker,
nur die Politiker gehen aneinander
- wie eh und je -
vorbei.
Sie erreichen nichts,
weil sie nicht aufs Wesen eingehen:
aufs Kreuzen und Spinnen
und die überall zerstückelt herumliegenden Teufelssteine,
die Reliquien,
die im Kreuzen
zu Münzen werden
und an Countern nach allen Himmelsrichtungen gedreht werden.

 

 

3. Ein Kurz-Gang
Beim erneuten Hinschauen
seh ich von oben ein SCHNECKENHAUS.
Nur das Haus,
doch keine Schnecke.
So ist es bis heute geblieben
aus Sicherheitsgründen
liegt alles eingegraben
und der Schweizer begraben.

Vielleicht ist er wirklich tot.
Vielleicht gab es ihn gar nicht.
Nur die jungen Schnecken,
die aus dem Gehäuse nach aussen krochen,
über den Gotthard nach Süden,
hinaus nach Luzern und bis ins Schwabenland,
nach Österreich und Frankreich...

Die Schweizer sollen einst
Europas Schneckenplage gewesen sein.

Inzwischen haben sie sich zurückgekrochen
und die Schneckengehäuse modernisiert.
Der übergang zu Bankhäusern war natürlich.
Statt der Serpentinen die Labyrinthe
selbst im Innern der Banken.

Zurückgezogen,
niemand ist mehr zuständig,
keiner hats getan,
alles unter Boden,
im Reduit,
die Bank nichts anderes als
seine Verkleinerung.

Erneut Spinnennetze, Kreuzungen, Schnecken dazu,
schleichend, kriechend,
mitten in der Landschaft.
Das aber darf doch nicht wahr sein
und es kommt zur Verleugnung des Wesens -

diretissima
zur Chemie
mit allen overkill

ziden:
Insektiziden, Pestiziden, Fungiziden
immer noch eins drauf
kill, kill, quick, quick.

Aber was ist denn mit dem letzten
auch möglichen Bild aus der Höh?
Dem wilden BLUMENSTRAUSS?

Ist er nur papieren oder plastik?
Abgestanden, verdorrt,
gekillt,
überspinnt,
mit Mehltau belegt?


Das letzte Bouquet
wie auf dem Grab
zu Füssen des Kreuzes
an die Erinnerung von einst
all die anarchischen Strudel
geglättet, gezähmt,
aus dem Sog
tot.

Ein verdorrter, chemisch verrotteter Strauss
ans Transitkreuz
Schrott und Abfall
letzte Blumen
ausgewählte Stü
CONFOEDERATIO HELVETICA

memento mori
ora pro nobis
r was denn?

CH

memento
der Toren,
pardon,
mori.

 

&&&

Al Imfeld

(Jahr unbekannt, Recreated 19. Dez. 2000 _Hp)