Die Zeit der Zinseszinsen ist vorbei

Die Zeit der Zinseszinsen ist vorbei


Genau nach dem Ersten Weltkrieg, vor fast 90 Jahren war ein Basler Missionar in Ghana an einer
Schule tätig. Das war nichts Ausserordentliches. Und so gewöhnlich also beginnt diese
Geschichte. Er lehrte auch Mathematik und hatte mit etlichen Schülern Schwierigkeiten. Selbst
das ist ganz normal und weltweit so. Einige schaffen es einfach nicht.

Eine Familie liebte er besonders. Einer der Söhne war ganz gut in der Schule. Als ein junges
Brüderchen geboren wurde, machte er der Familie in echt mathematischer Weise ein Angebot
und gab das heilige Versprechen, für diesen Sohn Kofi einen Göttibatzen von einem englischen
Pfund zu hinterlegen und diesen in einer Schweizer Bank, in Basel natürlich, sicher anzulegen. Er
hatte zudem von der Familie das Versprechen abgerungen, Sohn Kofi das Abheben des Geldes
erst mit 55 Jahren zu erlauben. Bewusst hatte er das Geld auf einer Schweizer Bank angelegt und
hatte dort auch das Sparbuch deponieren lassen. Sicherheit, natürlich. So würde der Sohn nicht
allzu leicht Zugang zum Geld haben und der Lehrer hatte sein lebendiges Beispiel für die
Zinseszinsrechnungen. Als Kofi zur Schule kam, war jener Lehrer noch aktiv. Wenn immer
Zinseszinsrechnungen kamen, wurde das Beispiel seines Göttibatzens gebraucht. Er wusste es,
die anderen nicht. Stolz war er. Und wie!

Er ging also von einem britischen Pfund aus, das damals - wie alle Währungen - noch fest war
und um die zwölf Franken ausmachte. Er ging von einem Zins von damals üblichen 5 Prozent
aus. Das war 1923, als zwar bereits die europäische Wirtschaftskrise einsetzte. Alle 15 Jahre
verdoppelt sich bei diesem Zins die Anlage. Und da Kofi mindestens 55 Jahre bis zum Abheben
warten sollte, hätte er sein Taufgeld 1978 abheben dürfen. Kofi, der sich inzwischen noch den
Namen Kwame zugelegt hatte, kam immer mehr in die Lage, dass er seinen Batzen in der
Schweiz kaum mehr persönlich abholen konnte. Dennoch, das war ein Markierungspunkt seines
Lebens. Das musste sein. Er wollte genau und exakt in einem 15er Stichjahr der alten
Schulrechnung, also 1983, nach Basel kommen, damit ja niemand rechnen musste und seinen
Schatz hätte verzögern können. In Basel traf ich ihn und hörte mir draussen vor der Bank auf
einer Bank sitzend, wohl die letzte die noch nicht entfernt worden war, in sich hinein weinend,
angespannt und wütend seine Geschichte an.

Er hatte das einstige Pfund in die Gegenwart hinein aufgerechnet, genau so wie es ein
Mathematiklehrer macht. Nie hatte er etwas von Abwertungen und Bankgebühren gehört, denn
das lernt man nicht in der Mathematik. Er wusste zwar, dass das Pfund schwach geworden war,
aber er übertrug das nicht auf sein Pfund. Er ging von seinem Stabilitätsbegriff aus: damals, zu
Beginn, waren es - immer schon umgerechnet - 12 Franken, Geld bleibt Geld, also musste sein
Pfund heute gleichwertig wie damals sein, dafür hatte die Bank zu sorgen, dafür legt man doch
Geld an, zum Aufbewahren und Hüten und wie es sich Kofi Kwame vorstellte, lag dieses Geld
im Banktresor, das Geld von jedem Kunden sorgfältig in einen Kasten; sein Geld, neben anderem
Geld. Er nahm an, dass die Bank den gleichen Göttibatzen, den der Basler Missionar ihm
vermachte und den er bislang nie sah, noch in Gewahrsam hatte.

Sein Pfund, hatte er gelernt, würde sich alle 15 Jahre verdoppeln. Also, rechnet selbst nach: von
1923 bis1938 zum ersten Mal, 24 Franken, von 1938 bis 1953 wiederum und schon wären es 48,
weiter ging es nach dem Kriege bis 1968 und da mussten 96 Franken in Basel liegen, dann kam
1983 und da waren es also mathematisch192.

Denkste.
Das Ganze ist verrückt. Warum sollte jemand von Ghana nach Basel kommen, um lausige 192
Franken von der Bank abzuheben?

Spinnste.
Seine Reise kostete bestimmt ein Mehrfaches. Das musste reinste Magie sein. Und das zudem in
der heutigen Welt, wo alle Angst vor Flüchtlingen haben. Da kann etwas nicht logisch oder
sauber sein.

Meinste.

Nichts auf Erden geschieht klar und eindeutig. Kwame Kofi hatte im Leben stets etwas Pech.
Zuerst hatte er einen kleinen Kolonialjob, als jedoch 1957 die Unabhängigkeit kam, verlor er
seine Arbeit. Die Monatspension machte umgerechnet etwa 4 Franken aus, dann verlor er auch
diese. Gottlob hatte er einige Kinder – wie viele sagte er nie - und von diesen erhielt er ab und zu
etwas. Viel auch nicht, denn diese waren ebenfalls arm geblieben.

Eines seiner Kinder hatte die Idee mit Europa aufgebracht. Falls nichts ginge, warum sollte er es
nicht als politischer Flüchtling versuchen, denn allein schon wegen seines Alters würde er
bestimmt Glaubwürdigkeit besitzen. Ob er dazu noch die Kraft hatte? Nur seine Kinder wussten
von seinem Bankkonto in der Schweiz. Ob dem so war, kann niemand für Afrika verbürgen. Er
wollte das ganze Abenteuer geschickt angehen. Er schrieb an die Basler Mission und wie gerne er
seinen früheren Mathematiklehrer besuchen würde und ob sie nicht ein Visum verschaffen
könnten? Nachdem er in Ghana immer mit der Kirche gute Beziehung unterhalten hatte, gelang
es ihm, ein Visum zu erhalten. Obwohl er aus Basel hatte erfahren müssen, dass dieser
Mathematiklehrer inzwischen gestorben sei; aber - afrikanisch gedacht - ist ein Grabbesuch
bestimmt gut, wenn nicht sogar wichtiger. Er erhielt ein Tourismusvisum, das drei Wochen
Geltung hatte. Woher das Geld für die Reise kam, habe ich nie erfahren. Heute bin ich überzeugt,
dass er einigen - immer klammheimlich - offenbarte, dass er viel Geld auf einem Schweizer
Bankkonto - etwas Magisches auf dem afrikanischen Kontinent - liegen habe und das es gelte,
dort abzuheben. All diesen Freunden mag er gesagt haben: "Für diese Reise brauche er etwas
Kredit".

Als er endlich zur Bank in Basel kam, da wollte man von ihm und seinem Konto wenig wissen.
Seine Ausweise, so wurde ihm bedeutet, reichten nicht aus. Er ging zur Basler Mission. Ohne zu
wissen, um wieviel Geld es sich handelte, stellte eine gute Seele eine Identifikation und
Empfehlung aus. Wiederum kam er zur Bank. Ein Schalterbeamter nahm sich dieses Mal etwas
mehr Mühe, um ihm jedoch ziemlich bald zu bedeuten, dass er bestimmt kein Geld erhalten
werde, denn inzwischen sei das Pfund zusammengeschrumpft und zudem sei dieses Sparbüchlein
hier deponiert gewesen und somit hätte der Inhaber jährlich eine Gebühr bezahlen müssen. Kurz
und gut, der Bankbeamte rechnete ihm vor, dass er nichts mehr habe und dass daher das Büchlein
einfach noch so in der Dokumentation liege. Dafür brauche er mehr Zeit, weil auch er da nicht
einfach Zugang habe. Er könne später kommen. Er ging aufs Grab des Mathematiklehrers und
klagte ihn an, nicht korrekt Zinseszins gelehrt zu haben. Er ging abermals auf die Basler Mission.
Diese gab ihm Namen und Adresse des einstigen Lehrers und ein weiteres kleines Schreiben. Er
ging zum gleichen Schalterbeamten. Dieser war bestens dokumentiert. Er teilte Kofi Kwame mit,
dieses Büchlein sei eigentlich auf den Namen des Lehrers ausgestellt gewesen, aber hätte
immerhin den Hinweis gehabt, dass den Betrag eines Tages einem Mann in Ghana, mit
Vornamen Kofi und sonst nichts, zukäme. Nun sei dieser Mann tot und alles auf der Bank, das
mit seinem Namen zusammenhing, gelöscht. Er könne froh sein, denn am Schluss sei auf dem
Büchlein ein Minusbetrag von etwa 48 Franken gestanden.

Ein Blitz hatte ihn innerlich getroffen. Nichts mehr auf dem Konto. Was half hier die
Zinseszinsrechnung? Alles ein Betrug. Traurig einerseits und ganz schön wütend andererseits,
das war er. In dieser Lage traf ich ihn, in Basel, vor der Bank.

Was er jetzt tun würde, fragte ich ihn. Die Antwort war klar und kurz: "Das Rückfahrtticket
verkaufen, über die Grenze nach Deutschland gehen, um mich dort als politisch Verfolgter zu
melden. Da ich schon alt bin, wirke ich seriös. Die werden mich wohl fürs erste aufnehmen."
Etwas höhnisch wirkte er schon.

Er tat es und hatte Glück. In Konstanz, wo die meisten Ghanaer mit einem Exil-Antrag landeten,
traf ich ihn - auch zufällig - wieder. Er sang im protestantischen Kirchenchor. Die Pastorin war
ihm sehr zugetan und beteuerte, dass sie über sein Engagement ausserordentlich beeindruckt sei.
Er wurde anscheinend kurz nach meinem Besuch nach Ghana zurückgeschickt, denn er hatte
keine Asylchance. Er hatte diese Vorgehensweise erwartet.

Vor etwa zwei Jahren traf ich Kofi Kwame - wieder rein zufällig - in Accra. Er war im Gewand
eines Predigers. Was war aus ihm geworden?

Er hatte den Spiess umgedreht oder könnte man sagen, er habe versucht, die Banken zu kopieren?
Er sah mit dem Jahr 2000 den Weltuntergang kommen. Wer jetzt - zum voraus - im Himmel Geld
anlege, werde es dort besser haben. Er würde so statt eines Kaffees vielleicht an der Bar einen
Whisky schlürfen dürfen. Er habe allen Leuten gesagt, dass Sparen und auf Banken Geld
Anlegen, Unsinn sei. Er hatte, zuhause angekommen, die phantastische Idee, Aktien für den
Himmel zu verausgaben. Das Geschäft lief seiner Ansicht nach, nicht schlecht. Und er tat es auf
spielerische und humorvolle Weise: es legte rote, blaue und grüne Aktien zum Kauf auf. Er
wollte, dass seine Kunden sich wirklich etwas vorstellen konnten. Die Farben meinten drei
himmlische Säle. Jeder und jede konnte wählen. In einem Saal gab es Süssigkeiten mit Tee; in
nächsten Sex für beide Geschlechter, alle möglichen Spiele eingeschlossen. Der dritte Saal stand
Liebhabern von harten Getränken, vor allem Whisky, zur Verfügung, eigentlich für alle
Barliebhaber und Spieler. Ja, er war sehr konkret und anschaulich. Diese Aktien zogen, denn er
versprach, falls das Leben weiterginge, im Jahr 2001 die erste Prämie ausgeschüttet werde. Mit
einer eventuellen Rückgabe des Geldes werde bis zum Jahr 2010 zugewartet, denn die Europäer
hätten sich schon manchmal getäuscht. Die Shareholders seien sicher. Kofi Kwame hatte damit
ein kleines Finanzreich aufgebaut.

"Glaubst du an einen Weltuntergang?"
"Al, glaubst du die Banken glauben? Warum sollte ich glauben? Ich handle, aber ohne
Zinseszins."

 

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5.1.2001
Al Imfeld
Zum 60. Geburtstag von Leo von Deschwanden