Kafi Schnaps

KAFI SCHNAPS

Uns Männern aus dem Entlebuch und von Obwaldnern, ja uns Hinterländern würde das Wesen gestohlen, wenn wir keinen "Kafi Schnaps" mehr hätten. Es wäre wirklich das Ende der Männer vom Napfgebiet und auch der Älpler aus Ob- und Nidwalden, wenn es diesen Kafi nicht mehr gäbe. Zu unserer Identität - wie man heute sagt - gehört ein Kafi.

Nein, oh nein, nicht ein Milchkaffee und nicht ein Kafi in einer Tasse! Es muss ein Kafi im Glas oder mindestens im grossen Chacheli und - er muss "fertig" sein. Es ist dieser ganz dünne Kaffee, durchsichtig, weitsichtig, zum Träumen und Plaudern beim Zusammensein. Kafi mit zwei oder drei Löffel Zucker und dann - getauft mit selbstgemachtem und eigenem Träsch oder Bätziwasser. Früher gab es ab und zu noch den Härdöpfeler.

Wir waren, bis vor kurzem ganz bestimmt, scheue Männer, vom Rest der Welt und selbst vom eigenen Dorf abgekapselt, sehr misstrauisch allem Fremden gegenüber, etwas kautzig. Kam ein Fremder in die Gegend, wurde er zuerst zu einem Kafi eingeladen, entfremdet und entgiftet und erst nach dem Kafi wurde geschäftet oder gehandelt. So wurde der Vieh- oder Kalberhändler zuerst bei einem Kafi in den Preis eingestimmt. Oder kam der Dorfpolizist oder einer von der Gemeinde, hiess es zuerst: "Komm zu einem Kafi!" Beim Kafitrinken wurde über Wetter und Welt geredet, man tastete sich geistig gegenseitig und näherte sich langsam der Sache. Die einzige Ausnahme machte der Pfarrer: dem setzte man ein Glas Wein vor, denn er war etwas Höheres. Unter Seinesgleichen jedoch oder um jemand zu Seinesgleichen zu machen, gab und gibt es den Kafi Schnaps. Er verbindet alle miteinander.

Andere Mit-Bürger machen sich oft über die Entlebucher und Hinterländer mit ihrem dünnen Kaffee lustig. Sie meinen auch, unser Kaffee sei so dünn, weil wir gar viel Schnaps dazugiessen würden. Wir gelten als Kafi-Säufer. Dabei wissen sie gar nicht, dass wir eigentlich ganz schön sparen müssen, damit uns die Kaffeebohnen nicht ausgehen. Wenigstens in früherer Zeit.

Andere spotteten gar, dass wir soviel Kafi saufen und dann dabei sogar schlafen würden und daher alle in der linken Backe einen "Buck" vom Kafilöffeli her hätten. Welch ein Unverstand! Weitsichtige hätten längst darin das Pendant zur grossen Plastik von Rodin und seinem DENKER entdeckt.

Doch wie kamen eigentlich zwei Kolonialwaren zu solchen Ehren bei scheinbar fremdenfeindlichen Bergbauern? Es muss wie die Quadratur des Zirkels vorkommen, dass unser Wesen mit Kaffee und Zucker im Glas zusammenhing?

Das kam so.

Zuerst muss ich erwähnen, dass es früher schon eine Vorform von Kafi gab: er war aus der Zichorie gebraut. Doch das Neue und Andere, der neue Kafi und seiner neuen Welt, solcher Fortschritt kam aus der Mission. Sie mögen es glauben oder nicht, doch unser Sein und Wesen hangen mit der Mission zusammen. Aus dieser sehr gläubigen, katholischen und kinderreichen Gegend entstammten nämlich unzählige Missionare, Priester, Brüder und Nonnen. Sie zogen aus in alle Welt. Und sie brachten aus Afrika jeweils bei ihrem Urlaub Kaffeebohnen mit. Natürlich waren es nur ganz wenige. Damit musste äusserst sparsam umgegangen werden. Also wurden bloss ein paar wenige Bohnen genommen und daher blieb das Gebräu so hell-bräunlich und fast klar. Es war nicht der Schnaps, das versichere ich euch.

Der Zucker war schon vorher in die Berge gekommen. Er kam über die Kirche und die Kilbi beziehungsweise das Kirchweihfest ins Dorf. Zucker und Fest, Süssigkeit und Himmel hingen zusammen. Im Kafi nahmen wir alle im Kleinen etwas voraus.

Ja, es gab schon früher und immer wieder Veränderungen. So konservativ waren unsere Vorfahren gar nicht. Es musste bloss über die richtigen Kanäle eingeführt werden, natürlich über den Herrgott und seine Stellvertreter auf Erden, denen wir vertrauten, etwa vom Pfarrer oder Kaplan. Vom Vikar, da dieser doch nur ein Knecht war, ging keine Wirkung aus.

Die höchste aller Ehren kam stets den Missionaren zu. Sie hatten Erfahrungen aus aller Welt. Sie hatten in all den Gefahren überlebt. Ja, sie mussten es wissen, was zum Überleben wichtig war. So sahen es die einfachen Leute unserer gebirgigen Gegend. Nochmals muss ich es betonen: diese gingen in die dunkle Fremde und nahmen alle Todesgefahren um Gottes willen bei Heiden und Kannibalen in Kauf. Alle zehn Jahre nur kamen sie auf Heimaturlaub und erzählten jeweils von der fremden Welt. Das waren spannende Momente. Höhepunkte. Die Verbundenheit der Bauern mit diesen Gottes Helden war gross.

Und dieses Band wurde besiegelt und begossen mit diesem Kaffee. Er war wie eine Kommunion. Und so steckt denn in diesem Kafi eine Brücke zur Welt. Er schenkt dem Bergler den Moment des Weit- und Fernblicks. Er versinnbildet die Sehnsucht nach der Ferne und Fremde.

Und noch etwas steckt im Geheimnis vom Hinterländer Kafi. Ihr mögt es begreifen oder nicht, darin verborgen ist der gesamte christliche Missionsauftrag und die Anteilnahme daran.

Nicht umsonst hiess es, dass dieser Kafi getauft werden muss. Der Schnaps wurde zum Taufwasser. Wer kein Bätziwasser in den Kafi nahm, trank ein Zwitterding ohne Taufe und Namen. Dieser helle Kaffee mit Zucker im Glas war erst ganz kräftig und wirksam durch die Taufe mit dem eigenen Obstwasser. Von der Mission kam der Kaffee und an die Mission erinnerte er. Eingespannt in diesen Bogen zwischen Angst vor der Fremde und dem Mut in die Fremde zu gehen lag der Kafi Schnaps oder Kafi fertig. Zum Wesen dieser knorzigen und knurligen Männer gehörte so wie in ihren Kafi die enge Vereinigung von Sehnsucht und Furcht vor oder nach der Fremde. Dazwischen stand der Kafi Schnaps.

Wer also wirklich ins Kafi-Glas schaut, blickt weit, weit in alle Welt und träumt von einer Welt, die so vielfältig gemischt und gleichzeitig friedlich wie dieser Mix-Fertig-Kafi ist.

 

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AL IMFELD, 23. 4. 1990 - Neue Fassung: anfangs September 1992