Soll Omar Hassan Ahmad al-Bashir vor das Kriegsgericht gestellt werden?

Für uns westliche Menschen ist es logisch und nicht mehr als gerecht, wenn der sudanische Herrscher al-Bashir wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen, ja sogar des Völkermords, angeklagt wird und dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag überstellt wird. 

 

Doch wir Menschen im Westen vergessen den Kontext, der etwa Folgendes umfasst:

  • Es gibt auch ein islamisches Recht mit vier grossen traditionellen Rechtsschulen. Durch ein Übergehen dieser Gerichtsbarkeit wird der westlichen Gerichtsbarkeit bloss geschadet und es wird ein unüberwindbarerer Antagonismus zwischen Islam und Westen vertieft.
     
  • Jede grosse Religion kennt ein eigenes Rechtssystem: Etwa das Römische Recht für den Katholizismus, das konfuzianische Recht für China, usw. Religionen prägen Recht und umgekehrt; all das ist in den Köpfen und wird nur langsam und mühsam ersetzt.
     
  • Wie nun Den Haag daherkommt, setzt voraus, dass nun eine globale Rechtsphase eingesetzt habe. Für viele andere gibt sich dieser Gerichtshof etwas zu missionarisch, selbstsicher, ja beinahe imperial. Das muss andere Grosskulturen herausfordern.
     
  • Der Sudan war seit Beginn der britischen Kolonisierung ab 1850 ein Mahdi-Land mit Derwischen und - von uns aus betrachtet- Wahnsinnigen. Der Mahdi ist im sunnitischen Islam der „Messias“, der wiederkommt und dem Chaos auf Erden ein Ende bereitet. Die Briten kamen mit dieser „Wildheit“ nie zurecht. 
     
  • Diese ekstatischen und exzentrischen Lebensäusserungsformen in der Wüste von Oberägypten und Sudan finden wir bereits im frühen Christentum, etwa mit den Säulenstehern, den Geisslern und Selbstzerfleischern. Es herrschte eine unglaubliche Körperfeindlichkeit vor.
     
  • In der schiitischen Tradition ist seit Beginn der Spaltung ein Herrscher nach dem anderen entweder im Krieg umgekommen oder umgebracht werden. Die Gläubigen sehen dahinter das gerechte Einwirken Allahs. Man überliess es also Gott; man lebte grausam mit dem Gottesurteil.
     
  • Und die Verrücktheiten gingen sogar auf die Europäer über. Der junge Churchill testete die neuen Kanonen am Zusammenfluss der beiden Nil vor Khartum. Ohne Grund wurden etwa 200 Menschen niedergemäht – und die Briten waren stolz über den Testerfolg.

 

All das und vieles mehr muss sowohl historisch als auch religiös, politisch wie sozial aufgearbeitet werden. Das jedoch vermag ein Gericht niemals. Dazu kommt ein internationaler Gerichtshof, der für alle Araber ein imperiales Element und kein anerkanntes Instrument der Gerechtigkeit ist.

 

Man mag einwenden, dass wir in einer modernen Welt leben und sich bei einer Globalisierung auch Rechtssysteme einander zu nähern haben.

 

Doch auch modernes Völkerrecht fällt nicht einfach vom Himmel und muss langsam keimen und wachsen. Den Haag ist der falsche Weg.

 

Was wäre denn zu tun?

  • So wie die Afrikaner ihren Völkerrechtsgerichtshof in Arusha (Tanzania) haben, so müssten die Araber von der UNO angespornt werden, ihr eigenes Gericht für moderne völkerrechtliche Fragen aufzubauen.
     
  • Afrikaner selbst (etwa Schriftsteller, Maler, Theologen und Philosophen) hätten der AU (African Union) Druck aufzusetzen, um ihr Haus (auch nur etwas) glaubwürdiger zu machen. Es geht nicht nur um al-Bashir; wir haben um die 40 weitere Autokraten, Diktatoren und Volksverachter.
     
  • Wir Europäer (Westlichen) haben uns sehr zurückzunehmen, um nicht Selbstgerechtigkeit an den Tag zu legen.
     
  • Es haben neue Wege gesucht zu werden, wie etwa in den 1990er Jahren in Südafrika die von Erzbischof Desmond Tutu geleitete the Truth and Reconciliation Commission, bei der es viel mehr um Aussprache und Aufarbeitung denn um Rechtsprechung ging. Sie war exemplarisch, d.h. sie vermochte nicht eine so lange und komplizierte Geschichte aufzuarbeiten und sie vermied es auch, rein um Gerechtigkeit herumzukreisen.
     
  • Richter allein schaffen es nie. Es braucht respektierte und bekannte Autoritäten wie einen Nobelpreisträger Wole Soyinka.
     
  • Boykotte und Sanktionen bringen nichts: es sind doch bloss Frusthandlungen.
     
  • Es geht nicht um alles oder nichts. Die Prozesse von heute dauern zu lange und werden vom Volk nicht verstanden und sinken daher ins Esoterische ab.
     
  • Es braucht Zeugnisse und Glaubwürdigkeit, weniger Recht und Gerechtigkeit.  

 

Schluss

Des Westens Verurteilung hat al-Bashir einen Panzer der Abwehr und des Unverständnisses  umgelegt. Verhärtete Fronten sind zur Lösung eines Konflikts unbrauchbar.

 

Es ist einfach ein Aufruf, das Augenmass zu behalten

Ich will auf keinen Fall den kapriziösen Diktator entschuldigen; ich möchte bloss das Geschehen und unsere Reaktionen in einen grösseren Zusammenhang stellen. Auch Recht ist kontextuell und niemals absolut.

 

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Al Imfeld, 04. 2009