Wieso diese Hungersnöte?

Hungersnöte in Afrika: Grundsätzliches

So etwas wie ein Manifest

Bereits in den 1970er Jahren haben Experten vorausgesagt, falls nichts Grundsätzliches und Langfristiges geschieht, wird die Welt mit permanenten Hungersnöten am Horn von Afrika zu rechnen haben. Vor allem im Bereich von Hunger können zwar kurzfristig ein paar Münder gestopft werden, aber auf keinen Fall etwas Menschenwürdiges. Als grundsätzliche Voraussetzung einer Hungersnot kann die Würdelosigkeit der Menschen bezeichnet werden. Menschen, die sich als Dreck vorkommen, degradieren sich weiterhin mit Nachlässigkeit, Schmutz und einem beständigen Wegwerfen, vor allem auch dessen, was ihre Würde betrifft. Genauso verhält es sich allgemein im Umfeld von Armut, denn Wissenschaft hat nachgewiesen, dass die vielen Begleiterscheinungen Abfall und Dreck, Pisse und Scheisse sind. Man kümmert sich nicht einmal mehr um den eigenen Dreck.

 

Gigantische Massenlager sind Gift

Eine erste wichtige Einsicht ist daher, Hungernde können nicht einfach in Lager, schon gar nicht Massenlager gesteckt werden. Derartige Massenlager für Menschen, die vor der Hungersnot fliehen mussten, sind letztlich für die Betroffenen schlimmer als der Hunger, denn die Massierung überwältigt alle, raubt ihnen jegliche Perspektive, und sie vegetieren würdelos dahin. Massenlager von Flüchtlingen oder vor der Hungersnot Geflohenen, wie wir sie in den 70er Jahren in der Nahe von Arusha, später im Ostkongo bei Goma und jetzt in Dadaab kennen, mit annähernd einer halben Million Opfern, sind eine Falle und keine Lösung. Ermutigung wird gekillt. Ein paar wenige haben Glück wie in der Lotterie, dass sie weiterkommen; doch an ein Zurück glauben sie nicht; und sie können auch nicht daran denken, denn sie kennen ihr Zurückgelassenes nur noch als ein Trauma.

 

Lager sind ein toter Punkt in einer trostlosen Landschaft

Hungerhilfe wird einfach ad hoc betrieben, ohne viel Hintergrund und praktisch ohne gleichzeitig eine Infrastruktur aufzubauen. Man lässt sie einfach kommen, die Hungernden, registriert sie in für die Betroffenen zermürbenden und bürokratischen Vorgängen, ohne kluge Methoden, etwa der Reihefolge, bringt eher noch alles durcheinander. Schon hier beginnt die Würdelosigkeit eines Massenlagers.

Wer ist für eine Halbmillionenstadt voller Elend für die Infrastruktur verantwortlich? In allen drei Giga-Lagern – und ich kenne alle – fehlen Zufahrtsstrassen, und falls es sie gibt, sind sie total verlöchert und nicht gepflegt, sodass sogar das Zubringen von Hungershilfe ein katastrophales Unterfangen ist. Das gehöre nicht zum Auftrag, heisst es allgemein. Zuhause wird den Spendern beteuert, dass der letzte Rappen für die Hungernden direkt eingesetzt werde. Doch ohne Infrastruktur gibt es keine Hungerhilfe. Nachhaltigkeit schliesst ein ganzes Bündel von Massnahmen, gleichzeitig und vielseitig angegangen, ein.

Genau so wichtig wie Brot wären Wasserversorgung und Elektrizität, wären Kulturstätten und Sportanlässe. Solche Lager müssten Kinos und Theater haben. Auch Bibliotheken gehören dazu. Es müsste Programme für Kinder, Frauen und die wenigen Männer, die meist in diesen Lagern nicht zu finden sind, geben. Wenn schon derartige Monster zugelassen werden, muss auch die Infrastruktur für mindestens etwas Menschlichkeit in diesen Städten oder Stätten geachtet werden.

Zum Leben gehören Handwerk und Läden, mit hoher Beteiligung der Displaced Persons unter kundiger Leitung und Organisation betrieben. Diese Menschen müssen etwas von dem bis anhin fast unbekannten Geld-Markt lernen. Wenn die Welt solche Lager, die Grossstädte sind, braucht, erfordern sie wahrlich mehr als diese direkt gespendeten Brosamen zum Überleben. Sogar eine grosse Shopping Street gehört zu einem solchen Lager, diese Menschen sollen am Handel und Kauf bleiben.

Ein solches Lager dürfte auch von Viehmärkten umgeben sein. Da sie schon Vieh aus Not abschlachten müssen, gebe man den Bauern einen guten Preis, errichte Metzgereien. Natürlich gehören Viehärzte notwendig zum Hungerprogramm.

Ganz wichtig scheint mir, dass rings um die verschiedenen Lager Gärten geschaffen werden. Diese Menschen haben nur einen Ausweg über Hortikulturen oder, wie wir es heute auch für Slumsiedlungen anvisieren, Klein- und Heckenwirtschaften mit Baumkulturen. So könnte ein Gemüse-, Früchte- und Beerenmarkt entstehen.

Es gibt nichts Dringenderes als die sofortige Elektrifizierung des Lagers und der Umgebung. Auch das muss in eine solide Hungerhilfe eingeschlossen werden. Es braucht Elektrizität für Kühlschränke und Lagerhaltungen. Man muss endlich loskommen von den für Umweltverschmutzung stark verantwortlichen, teuren und verschwenderischen mit Öl betriebenen Strommaschinen

Selbst verhungernde Menschen haben heute Anrecht auf Handy; solche Lager müssen mehrere Internet-Kaffees haben. All das gehört auch zur Hungernothilfe. Denn der Hunger ist meist eine Folge menschlicher Aufgabe und Verzweiflung, von angenommener Würdelosigkeit und gespürter internationaler Verlassenheit. Respekt in allen Dimensionen ist wichtigster Teil einer Hungerhilfe. Viele Betroffene sagen es offen und klar: „Es ist nicht das physische Brot, sondern die geistige Missachtung und Verlassenheit von der Welt.“ „We are just shit for the rest of the world,“ habe ich immer und immer wieder bei meiner Tätigkeit als Hungerreporter gehört.

 

Frühwarnsysteme

Die Getreidebörse in Chicago betreibt mehrere Satelliten, die kommende Ernten voraussehen können, d.h. die Bilder zeigen, ob die Ernte gut oder schlecht ist. Etwas Ähnliches, falls wir eben Interesse hätten, könnte für mögliche Prognosen von Hungersnöten erstellt werden. Bereits in den 70er Jahren, zur Zeit der grossen Hungersnöte in der Sahelzone und am Horn von Afrika, forderten Weitsichtige einen ähnlichen Dienst für Dürrekatastrophen. Nichts geschah; man wartete, bis man wieder im grossen Stil helfen muss. Mit Nothilfe ist leichter als mit Prävention umzugehen.

Nach dem katastrophalen Tsunami 2004 begannen die Asiaten sich zu regen; weltweit entstand eine Bewegung zur Entwicklung eines Frühwarnsystems. Seither wurde intensiv daran entwickelt und gebaut. Warum ist etwas Paralleles nicht für die dauernd wiederkehrenden Hungersnöte in Afrika möglich, vornehmlich für die ganzen Zonen am Rand der grossen Wüsten (als Sahelzonen bekannt)? Natürlich ist der Kontinent oberflächlich arm, und vor grossen Investitionen schreckt der Markt (vorderhand) zurück.

 

Wer soll das an die Hand nehmen?

Ich komme zu einer ganz wichtigen Feststellung, die solche Aufgaben nur der UNO zuteilen kann, die jedoch für solche Aufgaben neu gedacht werden muss. Für mich bedeutet das, dass eine UN Welthungerhilfe und die FAO (Organisation für Nahrung und Landwirtschaft) solche Grossprojekte langfristig und weitsichtig an die Hand nehmen müssten. Es ist endlich eine Reorganisation dieser Institutionen gefordert: Diese zwei Organisationen sind nicht primär Hilfsorganisationen. Sie dürfen nicht fast ausschliesslich von den mächtigen und egoistisch interessierten landwirtschaftlichen und Agrobusiness Lobbies beherrscht werden. Ihre Schwerpunkt- Aufgabe wäre Präventionsplanung, langfristige Projekte erforschen und planen lassen.

Die Hungerhilfe müsste die UNO den einzelnen Hilfswerken überlassen, genauso wie heute in der Schweiz der Bund zusammen mit den privaten Hilfswerken seine Entwicklungszusammenarbeit betreibt.

Ich will diese internationale Neuorganisation nicht weiter ausführen, aber sie müsste endlich im Gespräch um Neuorientierungen angegangen oder angedacht werden. Man kann ruhig das heutige Dadaab als ein neues Solferino ansehen, diese grausame und opferreiche, jedoch sinnlose Schlacht von 1859, welche Henry Dunant den Impuls zur Gründung des IKRK gab, gefolgt von der Genfer Konvention 1864. Wir brauchen heute eine neue Konvention, losgelöst von der politischen Verfolgung, eine internationale Vereinbarung zu einer Struktur mit eigenen Akzenten und Rechten. Ich nenne es eine Katastrophenkonvention. Eine 500’000-Ansammlung benötigt nicht nur Schutz, sondern auch Schlüssel zur Verteilung dieser gestrandeten Hungermenschen.

 

Neustrukturierung von Katastrophenhilfswerken

Löst man die Aufgaben aus dem Punktuellen heraus, dann leuchtet sofort ein, dass sich mehrere private Hilfswerke zusammenschliessen und auf gewisse Unternehmen spezialisieren müssen. Wir haben heute viel zu viele Katastrophenhilfswerke, die zueinander in Wettbewerb stehen, und dieser nimmt mit der Vielfalt solcher gutgemeinten Werke zu.

 

 

Schluss

Ich und viele andere werden gerne für Weitsichtigkeit spenden, aber nicht einfach um Hungernde, gnadenlos wie am Tropf, ohne Zukunft, einfach um des Überlebens willen, würdelos weiter leben zu lassen. Wer wirklich Menschen retten will, muss uns vom Punktualismus bewahren. Die betroffenen Mensche wollen mehr als Brot, sie hungern einem würdevollen Leben entgegen.

 

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Al Imfeld, August 2011