Massenlager in Kenia stürzen Hungernde ins Elend

Überlebens-Rationen überlassen die Hungerflüchtlinge in Dadaab (Kenia) ohne Würde im Elend. Es braucht eine andere Hungerpolitik.

Hungernde kann man nicht einfach in Lager, schon gar nicht in Massenlager stecken. Für Menschen, die vor der Hungersnot fliehen mussten, sind Massenlager mittelfristig schlimmer als der Hunger. Denn die Massierung überwältigt alle, raubt ihnen jegliche Perspektive, und sie vegetieren würdelos dahin.

 

Miserable Erfahrungen

Massenlager von Flüchtlingen oder vor einer Hungersnot Geflohenen gab es bereits in den 70er Jahren in der Nähe von Arusha im Nordosten Tansanias, und später im Ostkongo bei Goma. Diese Massenlager gibt es noch heute. Die Opfer von damals leben weiterhin in unwürdigsten Verhältnissen. Jede Ermutigung und Eigeninitiative wird gekillt. Nur Vereinzelte haben Glück wie in der Lotterie, dass sie weiterkommen; Sie kehren nicht zurück, denn das Zurückgelassene ist für sie ein Trauma.

 

Hungerhilfe ohne Perspektive

Die Erfahrungen von Goma und Arusha sind niederschmetternd: Die internationale Hungerhilfe wird ad hoc betrieben, ohne Strategie. Eine Infrastruktur für die Zukunft wird nicht aufgebaut.

Man lässt die Hungernden einfach kommen und überlässt sie von Anfang an einem demotivierenden Chaos. Das fängt schon beim Registrieren an. Man verteilt nicht etwa Nummern, sondern lässt die Flüchtlinge stundenlang ungeordnet warten. Es folgen weitere zermürbende und bürokratische Vorgaben. Es ist der Anfang der Würdelosigkeit eines Massenlagers.

 

«Infrastruktur gehört nicht zum Auftrag»

In Dadaab sind unterdessen fast eine halbe Million Hungerflüchtlinge aus Somalia eingetroffen.

Für diese «Stadt» voller Elend ist offensichtlich niemand für die Infrastruktur verantwortlich. Das war bereits in den Massenlagern in Arusha und Goma der Fall und ist es dort noch heute.

In allen drei Giga-Lagern – und ich kenne alle – fehlen (noch heute) Zufahrtsstrassen, und falls es sie gibt, sind sie total verlöchert und nicht unterhalten, so dass sogar das Transportieren von Hungerhilfe ein mehr als beschwerliches Unterfangen ist.

Der Aufbau einer Infrastruktur gehöre nicht zum Auftrag, heisst es allgemein. Zuhause wird den Spendern versprochen, dass der letzte Rappen für die Hungernden direkt eingesetzt werde, für Notportionen oder unmittelbare ärztliche Hilfe oder Wasserlöcher.

Doch ohne Infrastruktur haben die Hunderttausenden von Flüchtlingen keine Chance, ihrem Elend zu entrinnen.

Nachhaltigkeit braucht ein ganzes Bündel von Massnahmen, die gleichzeitig und vielseitig angepackt werden müssen.

 

Für Wasser, Strom und Menschlichkeit sorgen

Was es in den bisherigen Massenlagern noch heute fast nicht gibt, wird es auch in Dadaab auf unabsehbare Zeit nicht geben.

Ebenso so wichtig wie Brot wären Wasserversorgung und ein Stromnetz, wären Kulturstätten und sogar Sportanlässe. Solche Lager müssten Kinos und Theater haben. Auch Bibliotheken gehören dazu. Es müsste Programme für Kinder, Frauen und auch die wenigen Männer geben, die in diesen Lagern anzutreffen sind.

Falls solche Massenlager überhaupt jahre- oder jahrzehntelang wie in Arusha und Goma zugelassen werden, muss auch eine Infrastruktur für wenigstens etwas Menschlichkeit geschaffen werden.

 

Brosamen zum Überleben reichen nicht

Denn zum Leben gehören Handwerk und Läden, mit hoher Beteiligung der entwurzelten Menschen, unter kundiger Leitung und Organisation. Die Flüchtlinge müssen etwas vom Geld-Markt lernen, der bisher für sie unbekannt war.

Wenn die Welt solche Lager toleriert, die von der Zahl der Menschen her Grossstädte sind, erfordern sie mehr als direkt gespendete Brosamen und wenige Hilfsmittel zum Überleben. Zu einem solchen Massenlager gehört sogar eine grosse Shopping Street. Die Menschen sollen sich am Handel beteiligen können.

 

Fleisch von Notschlachtungen selber verwerten

Ein solches Lager müsste auch von Viehmärkten umgeben sein. Da sie schon Vieh aus Not abschlachten müssen, könnten die Bauern einen höheren Preis erzielen und Metzgereien würden entstehen. Natürlich gehören Viehärzte notwendig zu einem Hungerprogramm.

 

Gemüse, Früchte und Beeren produzieren

Wichtig wäre das Anlegen von Gärten rings um die verschiedenen Lager. Für die Flüchtlinge in grosser Not gibt es nur einen Ausweg über Hortikulturen oder, wie wir es heute auch für Slumsiedlungen anvisieren, Klein- und Heckenwirtschaften mit Baumkulturen. So könnte ein Gemüse-, Früchte- und Beerenmarkt entstehen.

Voraussetzung für das Entwickeln einer solchen Selbständigkeit ist das Anbinden an ein Stromnetz. Strom braucht es für Kühlungsanlagen und die Lagerhaltung. Die zeitweise mit Öl betriebenen Strommaschinen, welche die Umwelt stark belasten, haben sich als schlechte Lösung erwiesen.

 

Recht auf Handys und Internet-Kaffees

Selbst hungernde Menschen sollten über Handys verfügen; in solchen Massenlagern muss es mehrere Internet-Kaffees haben. All dies und noch mehr gehört zur Hungernothilfe. Denn der Hunger ist meist eine Folge menschlicher Aufgabe und Verzweiflung, von angenommener Würdelosigkeit und gespürter internationaler Verlassenheit.

Doch in den Massenlagern von Arusha in Tansania und Goma im Ostkongo gibt es wenig von alledem. Es ist zu befürchten, dass die Hunderttausenden in Dadaab dem gleichen elenden Dauerzustand überlassen und vergessen werden.

Respekt in jeder Beziehung ist der wichtigste Teil einer Hungerhilfe. Viele Betroffene sagen offen, was sie am meisten demoralisiert: «Es ist weniger das fehlende physische Brot, sondern die geistige Missachtung und Verlassenheit von der Welt.» Immer und immer wieder habe ich bei meiner Tätigkeit als Hungerreporter gehört: «We are just shit for the rest of the world.»

 

Endlich Frühwarnsysteme einrichten

Die Getreidebörse in Chicago betreibt mehrere Satelliten, die kommende Ernten voraussehen können, d.h. die Bilder zeigen, ob die Ernte gut oder schlecht ist. Noch wichtiger wäre es, ein Frühwarnsystem für Hungersnöte einzurichten.

Bereits in den 70er Jahren, zur Zeit der grossen Hungersnöte in der Sahelzone und am Horn von Afrika, hatten Weitsichtige einen ähnlichen Dienst für Dürrekatastrophen gefordert. Doch nichts geschah. Man wartete, bis man wieder im grossen Stil helfen muss. Mit Nothilfe ist leichter umzugehen als mit Prävention.

 

Die Gestrandeten müssen verteilt werden

Man kann das heutige Dadaab als ein neues Solferino ansehen. Diese grausame und opferreiche, jedoch sinnlose Schlacht von 1859, hatte Henry Dunant den Impuls zur Gründung des IKRK gegeben, gefolgt von der Genfer Konvention 1864.

Wir brauchen heute eine neue Katastrophen-Konvention, losgelöst von der politischen Verfolgung, mit eigenen Akzenten und Rechten. Eine 500’000-Ansammlung von Füchtlingen benötigt nicht nur Schutz und Sofort-Hungerhilfe, sondern auch eine Regelung zur Verteilung dieser gestrandeten Hungermenschen. Denn das Verbleiben in Massenlagern hat für Hunderttausende bisher immer bedeutet, dass sie jahre- und jahrzehntelang zu würdeloser Abhängigkeit verdammt sind und ohne Hoffnung im Elend steckenbleiben.

 

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Al Imfeld / 11. Aug. 2011
Publiziert in InfoSperber