Zur Krise der EZA

Zur Krise der EZA

Blickt man tiefer und versteht diese Unkenrufe nach dem Misserfolg der Entwicklungshilfe aus der Tiefe der gegenwärtigen Psyche heraus, dann ist das eigentlich nur die späte Auswirkung der Forderung, dass jeder Mensch seinen eigenen Gott haben solle. Im Grunde genommen, möchte jeder Mensch sein eigenes Entwicklungshilfswerk haben.

Jeder Mensch stellt sich vor, was Entwicklung zu sein hat, und so adoptiert der eine ein Kind, der andere hilft zusammen mit ein paar anderen Wohltätern einer Schule, der Dritte will endlich etwas gegen AIDS tun, ein Vierter gar unterstützt mit Inbrunst eine ländliche Klinik.

So geht man tropfenweise und punktuell vor. Da hat man Kontrolle und Übersicht. Da bringt man das Geld – verbunden mit einer touristischen Reise – gar selber hin, lässt sich loben und wird zu Tränen gerührt. Man weiss, MEIN Geld kam an der Basis an.

Das ist wahre Hilfe, die Geld und Seele hat, die kontrolliert und – natürlich ganz klammheimlich versteckt – effizient ist, weil beide Seiten aneinander kleben.

Also hoch die Forderung: JEDEM SEIN EIGENES HILFSWERK! Jedem seinen Gott; jedem seinen Glauben.

Es geht weiter: mein Gott, mein Glaube oder mein Geld haben recht, sind gut, denn man hat sie in eigenen Händen, und daran klebt nichts.

Eigentlich ist das kein neues Phänomen. Auch die Missionare waren jeweils ihr eigenes Hilfswerk, das daheim bei Verwandten und Bekannten, in der eigenen Schule und Kirche sammelte, damit der Missionar endlich eine Kirche und damit verbunden auch noch eine billige Bretterschule bauen konnte. Erst spät kümmerten sich einige Missionare auch um Brunnen und kleine Stauseen.

Schon die Missionsschwestern hatten es schwerer, denn sie waren vom Priester oder Pfarrer abhängig, der ihnen jedoch gerne das Betteln erlaubte, wenn es sein Werk betraf.

Dann kam das Ende der Kolonialzeit und damit auch das Ende der Mission. Es wurde zur Entwicklung hinüber gewechselt. Die einheimischen Priester und Pastoren hatten keine Europa-Beziehung so wie die einstigen Missionare. Natürlich haben viele von den Alten gelernt und ihre „geistliche Mutter“ in Europa aufgebaut, um zu Spenden und Geld zu kommen.

Es entstand nach und nach eine neue Form des personifizierten Spendens. Bald jedoch wollten die Menschen, die Geld gaben, wissen, was daraus entstand. So begannen zunächst einmal Kirchgemeinden ihr eigenes Projekt zu pflegen.

Dann kamen Ärzte, die für ihr Spital immens viel Geld benötigten, und so wurden sie zu Sammelstellen. Da sie bekannte Persönlichkeiten waren, hatten sie Zugang zum Fernsehen, und über dieses Medium wurden sie bekannter und ihr Konto schwoll an.
Wir haben heute versteckte Hilfswerke um Schulen und Spitäler herum; dazu kommen Brunnen und Mühlen, kommen alternative Energie, also Sonnenkollektoren und Windmühlen.

Es geschieht viel. Das ist wahr.
Aber es geschieht punktuell.
All diese Anstrengungen sind Projekte, jedoch ohne ein Konzept für eine Region oder einen Staat. Keine Zusammenarbeit im armen Land selbst. Und so bleibt das Land als Ganzes arm. Mit Individualismus kommen wir nie über das Elend hinaus.
Es sind Pilze. Und Pilze können giftig sein.

Kommen wir zurück zur Kritik an der EZA.
Man ist gegen institutionalisierte Hilfe; man ist selbst das Hilfswerk, denn das kann ich überblicken. Also ein grosser Teil der negativen Einstellung zur EZA ist wahrscheinlich Futterneid, denn ICH möchte es selbst tun – mit der Unterstellung – die anderen tun es falsch.

Man darf wohl behaupten, dass die Kritiker von EZA keine Ahnung von der echten Zusammenarbeit und ihrer Komplexität haben. Sie nehmen an, Hilfe habe bloss mit Nächstenliebe und Wohltätigkeit zu tun. Dieser Wille zum Gutsein führt in den Untergang. Die Gutmenschen allein retten keine Welt, aber sie bauen auch keine auf.

Wir kommen zurück zur Kritik. Weil echte und ehrliche EZA neu ist, ich erinnere nur etwa daran, dass es ein Beitrag zum Entkolonisierungsprozess und ein Beitrag zum Aufbau neuer Nationen ist. Man tritt daher in neues, nie erlebtes Gebiet ein. Da muss einiges falsch und daneben laufen. Und erst recht mit dieser Einstellung, dass ICH der Staat, die Kirche, das Hilfswerk und der Goodmensch bin, muss EZA scheitern.

 

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Al Imfeld© 2008