Was bringt Afrika an Literatur?

Afrikas Kontinentalliteratur

Rücksichten, Gruppierungen und Themen

 

1. Niemand kann Afrikas Literatur – wie vielleicht in einem Nationalstaat oder Ländern mit gemeinsamer Sprache möglich – einfach mit 5 oder 10 Autoren überblicken und charakterisieren, denn Afrika ist ein Kontinent mit verschiedenen Ländern, Sprachen, mit mehreren Gegenden mit eigenen Kontexten und Gesichtern. Afrika kennt nur eine einigermassen gemeinsame Geschichte, die von aussen auferlegt wurde, wie etwa Sklaverei, Kolonialismus, dann das Ringen nach Unabhängigkeit.

2. Die gesamte afrikanische Literatur vom Maghreb bis nach Südafrika darf nicht wie europäische Literatur angegangen und beurteilt werden. Man muss sie als Prozess begreifen; sie kommt aus dem Mündlichen langsam zum Schriftlichen.

3. Es wäre arrogant, an diese Literatur einfach europäische Kriterien anzulegen. Der Kontext ist ein ganz anderer. So wie ein Heliand zur deutschen Literatur als ein Beginn und Versuch ein wesentlicher Abschnitt der Literaturgeschichte ist, so ist es ein Okot p’Bitek mit Lawinos Lied. Es wäre verwegen zu sagen, dass Okot einseitig oder hilflos repetitiv sei. Dennoch gehört dieses litaneimässige Fluchen zum Beginn der afrikanischen Literatur.

4. Dasselbe gilt zur Beurteilung des afrikanischen Romans. Man kann und darf ihn nicht mit europäischen Kriterien vergleichen und messen. Es wurde in letzten Jahren ein neuer Romantyp entwickelt, z.B. Kourouma, dessen letztes Werk eine Auseinandersetzung mit Rwandas Völkermord und Kindersoldaten ist; wir würden sagen eine Mischung von Reportage und Reflexion. Afrikas Schriftsteller blieben engagiert; sie schreiben kaum einen Roman um eines Romans willen. Sie haben ein anderes Literatur- und Kunstverständnis. Wir haben uns also anzugleichen und einzufühlen und neue Formen zu akzeptieren oder zu respektieren. Wir haben vom europäischen Literaturprofessor loszukommen. Beurteilungen entlang der Linie eines Prof. Emil Steiger oder Reich-Ranicki wäre nicht nur eurozentrisch sondern auch rassistisch. Afrikas Literaturen brauchen neue Kriterien einer Beurteilung.

5. Afrikas Literaturen bewegen sich in verschiedenen Weltsprachen: Arabisch, Englisch, Französisch, Portugiesisch und sogar Afrikaans. In den eigenen Sprachen wird kaum geschrieben; der Grund ist ein kolonialer und der Zwang im südlichen Afrika, in native languages oder Bantusprachen zu schreiben. Afrikas Schriftsteller schrieben kaum für die eigenen Leute, denn von denen können viele nicht lesen, zudem können sie sich einen Buchkauf kaum leisten.

6. Afrikas Literatur ist sprachlich sowohl frech als auch schöpferisch. Ein ganz gutes Beispiel ist der Kongolese Sony Labou Tansi. Neu, und wirklich beachtlich ist: Man schafft ein rotten English (etwa Saro-Wiwa in Nigeria und meisterlich Kojo Laing in Ghana), ein Englisch, das dem afrikanischen Ton näher liegt und mehr mit Verkürzungen arbeitet. Dazu trägt auch der afrikanische Rap (gutes Beispiel ist Lesogo Rampolokeng in SA) bei. Begonnen hat dieser Vorgang, die Kolonialsprachen für sich zu befreien mit Amos Tutuola (Nigeria); doch damals schämten sich die Intellektuellen noch ob dieser sprachlichen Befreiung, und so blieb Tutuola selbst von europäischen Kritikern aus Solidarität übersehen. Ich wehre mich vehement gegen den Vorwurf, es handle sich um Kitchen English, nein, hier beginnt etwas Neues und Wichtiges, nämlich die Erweiterung der einst kolonialen Sprache. Das ist wirklich ein ganz neues Bewusstsein afrikanischer Literatur: Africa Writes Back.

7. Afrikas wohl beste Literatur existiert im Gedicht. Daran ersieht man, dass die geschriebene Literatur noch nahe der mündlichen liegt. Es gab leider seit Black Orpheus , einer Négritude-Sammlung Ende der 1950er Jahre – mit Vorwort von JP Sartre - keine ins Deutsche übertragene Anthologie mehr. Wole Soyinka hat 1975 eine solche zusammengestellt, und sie wurde bei AWS als Nr. 171 veröffentlicht. Doch übersetzt wurde diese nie. Es ist so eine Frage, wenn der Markt Literatur macht: Der riesige Reichtum afrikanischer Literatur bleibt ausgeschlossen und den meisten unzugänglich. Zu den eindrücklichsten Poeten gehören 2010 der im Londoner Exil lebende Malawier Jack Mapanje und der Nigerianer von der Universität in Maiduguri im US Exil, Tanure Ojaide.

8. Wichtige Auseinandersetzungen oder Polemiken fanden in Südafrika und Nigeria versteckt im Gedicht statt. Das Musterbeispiel sind Odi Ofeimun mit The Poet Lied gegen den abgehobenen John Pepper Clark und mit Nyi Osundare, der das Gedicht als Editorial in zwei Zeitungen eingebracht hat.

9. Für Afrika südlich der Sahara wichtig war und ist das Theater. Einige auch literarisch hochstehende Stücke stammen von Ama Ata Aidoo (The Dilemma of a Ghost), andere, ghanaische, von der bereits 1996 verstorbenen Theaterfrau Efua Theodora Sutherland mit 2 Stücken, die inzwischen in Ghana Klassiker sind: Edufa und Foriwa; oder die mehr als 20 Stücke von Wole Soyinka, wovon 2 weltweit bekannt wurden: A Dance of the Forests und The Road. Nicht vergessen darf man Ngugis Bauernstücke – bewusst in Kikuyu geschrieben -, für die er ins Gefängnis kam. In Südafrika ist der berühmteste Theaterautor Zakes Mda, der 1995 aus dem Exil heimkehrte. – Unvergesslich bleibt der frankophone Sony Labou Tansi aus der Volksrepublik Kongo, der bis kurz vor seinem Tod 1995 mehrere Jahre mit einem Stück am Theaterfestival in Avignon präsent war.

10. Afrikas Literatur war bis vor kurzem eine Literatur des Kampfes gegen den Europäer, der sehr verallgemeinernd und pauschal als Kolonialist galt; man schrieb ihnen Anklagen, Botschaften, Flüche und Beschwörungen entgegen. Das geschah vor allem in Gedichten wie etwa bei Dennis Brutus, James Matthews, Agostinho Neto, Okot p’Bitek, René Philombe. Die koloniale Auseinandersetzung gehört unbedingt zum Kanon einer afrikanischen Literatur.

11. Ganz im Vordergrund blieb bis zur formellen Beendigung um 1990 die Anti-Apartheid-Literatur in Südafrika. Diese wird zur Geschichte der afrikanischen Literatur gehören. Diese Literatur zeigt, dass es nicht nur ein Kampf der Schwarzen war, sondern auch der Mischlinge (die verbotene asiatische Frau von Breyten Breytenbach) und einiger Weisser (Nadine Gordimer) und sogar einiger Buren (Breytenbach, Brink). (Es existiert übrigens eine Gedichtanthologie in Afrikaans mit über 1100 Seiten!) SA ist nicht nur black; selbst wir engagierten Europäer sind lange Zeit in dieses Loch der Einseitigkeit gefallen.

12. Nicht vergessen darf der Ursprung in der Negritude-Bewegung mit Sédar Léopold Senghor in Senegal werden. Die beste Dokumentation sind wahrlich die vielen Gedichte besonders aus dem frankophonen Bereich im Black Orpheus. Diese Bewegung war eine Zeit der Gedichte, in denen der schwarze Stolz beschworen wurde. Wole Soyinka beliebte diese Bewegung wenig, und so setzte er sein Wort Tigritude gegenüber, denn er wollte Kampf und nicht Schönheit.

13. Ostafrika kam später als Westafrika zur Literatur (Taban lo Liyong: The Last Word). Das explosive Zentrum war die Makerere Universität auf einem der Hügel von Kampala. Hier lehrten oder trafen sich alle ugandischen, kenianischen und tansanischen Schriftsteller und Dichter regelmässig, etwa Liyong, Ngugi, p’Bitek, Grace Ogot, Okello Oculi, R. Nitiru, etc. Makerere war wirklich ein literarischer Power Place.

14. Vom Maghreb schreibe ich hier nicht: Er hat eine Einheit durch die arabische Sprache, ist islamisch, ist stark autokratisch. Meistens zählt man diese Literatur nicht zu „Afrika“. Wahrscheinlich jedoch hat man Nordafrika zu Afrika zu zählen. Jedoch momentan scheut sich die Bevölkerung zu Afrika zu gehören; sie zählen sich stolz zur arabischen Welt. Konkret.:Algerien besitzt einen enormen literarischen Schatz mit u.a. Rachid Boudjedra, Assia Djebar, Rachid Mimouni. Marokko mit Ben Jelloun, Abdellatif Laâbi; Ägypten mit dem Nobelpreisträger Nagib Machfus.

15. Dass der afrikanische Kontinent als Ganzes und mit vielen territorialen Aspekten voll zur Weltliteratur gehört, zeigen die Literaturnobelpreise in dieser Gegend der Welt. Machfus, der Araber; Soyinka, der schwarze Westafrikaner; Gordimer, die weiss Südafrikanerin; Coetzee, zuerst im Exil, dann in Distanz lebend; aber auch Frau Doris Lessing (2007), von Iran nach Rhodesien kommend und weiterziehend nach Grossbritannien, also eine wandernde, migratorische Persönlichkeit. Besser könnte dieser Preis einen Kontinent nicht erfassen.

16. Es gibt dazu andere wichtige Preise, etwa der prestichreiche japanische Noma Preis, der 1980 Mariama Bâ als Erstem auf dem Kontinent verliehen wurde. Der Man Booker International Preis (England) an Ben Okri (1991 für Die hungrige Strasse) und J.M. Coetzee (1999 für Disgrace). Man müsste auch den Commonwealth Literary Award beachten. Die Franzosen habenbsich mit ihren Literatur-Preisen lange gegenüber Afrikanern zurückgehalten.

17. Bis vor kurzem sind die Literaturkritiker eher nationalistisch eingestellt gewesen. Sobald ein Schriftsteller ins Exil ging, oder wenn er aus den USA oder von Frankreich aus zu schreiben begann, zählten die Kritiker die Autoren nicht mehr zu Afrika. Heute leben z.B. Nigerias Schriftsteller und Dichter grossenteils in den USA oder in England. Zuhause könnten sie kaum überleben, doch auch das ist ein politischer Grund, dessen müssen wir uns langsam bewusst werden, denn Wirtschaft ist Politik und folgt der Politik.

18. Afrika kennt kaum mehr ein Verlagswesen; die meisten sog. Verlage gehören europäischen Häusern. Diese Verlage vermitteln kaum etwas anderes als Schulbücher. Ausser in Südafrika gab oder gibt es bloss 2 kontinental und internatonal ausstrahlende Verlage: den kamerunischen C.L.E. und die zimbabwe’schen Mambo Press. Kurze Zeit gab es das East African Publishing House. Die für die afrikanische Literatur von Beginn weg bis zum Ende des Jahrhunderts wirklich einzigartigen Verlage waren die African Writers Series (von James Currey begründet und mit Chinua Achebe zusammen weitergeführt; bis 2003 mit insgesamt 260 Titeln aus allen drei Kolonialsprachen) und die in Présence Africaine in Paris, die nur frankophone Literatur publizierte.

19. Auch innerhalb von Afrika gibt es Wanderer oder „Nomaden“ wie den Südafrikaner Mphahlele (SA, USA, Nigeria, u.a.), den Somalier N. Farah (aus Somalia nach Nigeria, u..a.), den sudanesischen Taban lo Liyong (Sudan, Uganda, Japan, Neu-Guinea, USA und SA), u.a. Selbst Wole Soyinka kann dazu gezählt werden, der zwischen den USA und Nigeria hin- und herzieht; zwar verfolgt, doch wie eine Wühlmaus plötzlich wieder in seiner Heimat für kurze Zeit für politische Agitation zurück. Zu diesen Beweglichen gehören natürlich auch Frauen wie Véronique Tadjo (von CdI, FR, USA und dann Nairobi); natürlich auch Buchi Emecheta

20. Wer nicht so leicht migrieren und herumziehen kann, ist die Frau. Das mag ein Grund sein, warum Afrika so viele weiblich und gute Schriftstellerinnen hat. Die erste, die veröffentlichte, war Flora Nwapa (Nigeria); ausgezeichnet wurde M. Bâ; preisgekrönt und die von aller Welt geschätzte und früh verstorbene Yvonne Vera(Kanada/Zimbabwe); die in Nordnigeria ausharrende und an Universität mit Lohn-Diskriminierung lehrende Zynab Alkali. Zu beachten sind die zwei Frauen, die nicht oder kaum mehr in Afrika leben: Buchi Emecheta (London) und Marie NDiaye in Frankreich, die2009 den Prix Goncourt für den Roman Drei starke Frauen erhielt. Ironisch: Man beginnt diese Frauen bereits zur französischen, resp. britischen Literatur zu zählen. (Ich habe eine Liste afrikanischer Schriftstellerinnen mit knapp 40 Namen zusammengestellt.)

21. Natürlich könnte man auch themenorientierte Zusammenstellungen versuchen. Beispiele könnten sein: die Kindheit (Peter Abrahams mit Mine Boy; Camara Laye mit L’enfant noir; Wole Soyinka mit Akè und Nathacha Appanah, Der letzte Bruder); die Strasse (La Guma, Meja Mwangi, Soyinka); Gefängnisliteratur (Soyinka, Dennis Brutus (Letters to Martha), Dadié; Epanya oder Fodeba); Problem Stadt und Slum (Mwangi, Vieira, Vladislavic); soziale Themen (Marechera, Head, Armah, Sembène Ousmane); oder Tradition (Bâ, Mbiti, Mveng) und Mythen rund um Shaka (Mofolo) oder Sundjata. – Interessant wird es, wenn das gleiche Thema literarisch durch mehrere Jahrzehnte oder in verschiedenen Gegenden hindurch unter die Lupe genommen wird (z.B. Kindheit von Abrahams bis Appanah).

Schluss

Das sind bloss einige von anderen möglichen Hinweisen, die einen Kanon keineswegs erleichtern. Es soll die Breite und Vielfalt afrikanischer Literatur zeigen. Es zeigt auch, wie lebendig und wandelbar (auch anpassbar) diese Literatur war und immer noch ist.

Zudem muss der Leser beachten, dass ich diese Gedanken aus dem Moment und Handgelenk heraus abgefasst habe. Meine gesamte Afrika - Literatur befindet sich übrigens (immer noch seit 1971 unausgepackt) in der Universitätsbibliothek Basel. Interessant ist, dass mein Buch Vision und Waffe (Zürich 1981) bis heute diesem angepeilten Kanon noch immer (ja, erst recht) entspricht.

Zum Schluss muss in Ehre die afrikanische Literaturvermittlung in den deutschen Kulturraum erwähnt werden. Sie begann mit Dialog Afrika durch die Verlage Otto Walter & Hammer mit 16 Veröffentlichungen. Im Schatten war der Lembeck Verlag mit 8 frankophonen Romanen, hrsg. von Ulla Schild. Es zog der Unionsverlag in Zürich bis heute kräftig mit. Später folgte die systematische Vermittlung durch die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika (später kamen Asien und Lateinamerika dazu), zu Beginn geleitet von Günter Simon, gefolgt von Peter Ripken mit grösstem Fleiss und phänomenalem Wissen. Wichtig für einen weiteren und kontinuierlichen Anstoss war die Frankfurter Buchmesse mit dem Schwerpunkt-Thema Afrika (1979/80) gefolgt auf das Festival von Berlin (1979) und fortgesetzt mehrere Jahre in Erlangen. Diese systematische Arbeit schuf ein Umfeld (dabei darf auch der Rundfunk (DW, Rias & WDR) auf keinen Fall vergessen werden) mit den engagierten Persönlichkeiten (etwa Armin Kerker oder Gerd Meuer) und ermöglichte es, dass Afrikas Literatur auf Deutsch gut vertreten ist.

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Al Imfeld, 3. September 2010