War es im Kolonialismus nicht doch besser?

Frage: War es im Kolonialismus nicht doch besser? Braucht es nicht ab und zu eben doch Diktatoren? Nach Titos Tod, aber Gleiches in der Elfenbeinküste nach Houphouet Boigny zerfiel das Ganze. Braucht es in einem Vielvölkerstaat zum Zusammenhalt nicht vorderhand Diktatoren?

 

Lieber Eugen,

darüber habe ich schon oft nachgedacht. Die Gefahr besteht darin, dass wir zu sehr moralisch und nicht aus langsam vor sich laufenden politischen Prozessen urteilen. Es ist ein Kurzschluss. Warum?

Jemand, der lange unterdrückt ist, hat diese Unterdrückung doppelt eben auch im Kopf und Verstand. Es muss daher ein langsames Umdenken stattfinden; solches geht nach historischer Erfahrung mindestens  Generationen und mehr. Man kann das bestens mit der politischen Unabhängigkeit sehen, denn diese geschieht nicht mit dem Hissen einer neuen Fahne und dem Absingen einer stets noch kolonialen Hymne. Mit der Ausrufung der Unabhängigkeit sind die Unterstützer und Schleichfliegen der oder des Unterdrückers stets noch da und sie treten an die neuen Stellen - ohne Vorbereitung und ohne den geringsten Wandel im Kopf. Das sind unsere Politiker von heute, die alle wie Sternschnuppen des gestürzten oder verstorbenen Diktators sind. Das heisst: aus einem werden Hunderte. Somit haben wir lauter Mini-Diktatoren.

Diese wollen auch ihr Reich und so nutzen sie Nationalismen und/oder Religion. Beide gehören zum gefährlichsten Gift dieser Welt. In einer Demokratie sollen beide zweitrangig sein. Es kann weder einen islamischen noch einen christlichen Staat geben; es kann keine Demokratie - sagen wir z.B.- der Kikuyu oder der Yoruba geben.

Von mir aus sind noch gefährlicher als Diktatoren Nationalismen (Tribalismus) und Religionen, denn diese sind viel vernebelter und lassen sich demagogisch gut für Machtpolitik missbrauchen.

Wir können daher weder für einen Nationalstaat noch für ein Reich Gottes beten, denn damit vernebeln wir die Köpfe und täuschen sie mit etwas, das reine Fiktion ist. Oder glaubst du, es könne je ein Reich Gottes auf Erden geben?

Ich schreibe extra für dich und Gläubige: es mag einen Gott zwar geben, aber der stieg auf die Erde nieder und ist versteckt unter uns; der leidet mit uns; der ist bestimmt solidarisch, aber er kann nicht und wird nicht eingreifen. Die Menschen müssen mit ihrer Dummheit und Blindheit und Uneinsicht selbst zurecht kommen. Gott will kein Reich und keiner Nation gehört ein Reich!!

Du siehst also, solange wir in alten Schablonen denken, müssen wir sagen, dass es früher unter dem Kolonialismus oder einem Diktator besser war. Doch JEDER SCHRITT ZUR FREIHEIT HIN IST UNENDLICH KOSTBAR, und das ist ein langer und mühsamer Weg. Das Gut der Freiheit wiegt mehr und mehr auch Gleichheit und etwas Brüderlichkeit oder Schwesterlichkeit: viel mehr als das einstige - meistens idealisierte - Wohlsein unter den Diktatoren.

 

Das Leben in einer gewissen Freiheit muss wie das Violinspielen lang und mühselig gelernt werden. Dazu braucht es Pressefreiheit und — auch andere Predigten. Wir Prediger gehören ganz stark zu den Klebern am veralteten Alten. Besonders deshalb, weil diese sofort mit Moral kommen und diese Moral letztlich die eines (geistigen) Diktators von einst und jetzt ist. Wir benötigen dringend gut durchmischte Zivilgesellschaften und Vereine; denn zuviel ist Klüngelei und somit Abbild des früheren Zustands.

In anderen Worten: wir haben zu lernen ANDERS MITEINANDER zu leben und wirken. Und das ist nicht leicht und so kommt die ewige Versuchung wie bei den Israeliten in der Wüste, die sagten, lasst uns zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückkehren.

Merkst du nun, wo deine Annahme sehr gefährlich ist?

Lieber Gruss

Al