Afrika – was ist das?

Afrika – was ist das?

10 Variationen

 

Afrika ist ein Kontinent


Doch ist Afrika ein Kontinent und nicht ein Mythos? Ob Japaner oder Nordamerikaner, Europäer und Latinos – alle haben ein anderes Afrikabild, also für die meisten Menschen, die das Wort in den Mund nehmen, kommt eine andere Vorstellung hoch; niemals jedoch zuerst und sofort eine kontinentale. Und dennoch ist Afrika ein Kontinent, zu dem sowohl der Maghreb als auch Südafrika, arabisch geprägte oder Bantuvölker gehören.

Afrika – ein Begriff, der in der Ferne entstand


Die Menschen dieses Kontinents wurden Jahrhunderte lang als Sklaven in andere Kontinente, vor allem nach Asien und den beiden Amerikas verschifft; wenn sie aus der Ferne der Herkunft gedachten, mussten sie einen Begriff erfinden, um ein gemeinsames Bild, eben eine Gemeinsamkeit, im Kopf zu haben: sie alle kamen von Afrika, denn Länder oder Staaten gab es damals noch nicht. Afrika ist also stark ein Begriff in der Erinnerung.  Ihre Gemeinsamkeit, von der sie abstammten hiess Afrika. So sprechen denn auch vor allem die Nachfolger der einstigen Sklaven in den USA oder in der Karibik von Afrika, und sie alle sind Afrikaner und schwarz, Blacks. Dem gegenüber sind wir Weissen schlicht und einfach Europäer, ohne an einen Kontinent zu denken.

Könnte man sagen: Afrika ist überall, aber stets in der Diaspora. Oder bleibt Afrika einfach ein Gerücht?

 

Afrika – der Kontinent der Schwarzen


Die Menschen, die als Sklaven gejagt wurden, waren fast ausschliesslich schwarz. Sklaven und Schwarze wurden so zu einem Wechselbegriff, der eine stand auch für den anderen. Schwarze kamen ursprünglich alle aus Afrika, aus dem Kontinent der Dunkelheit. Also Afrika ist schwarz und schwarz ist Afrika. Dennoch selbst schwarz ist nicht einfach schwarz, denn es gibt viele Abstufungen.

On ne naît pas noir, on le devient

ist der Buchtitel des Autors Pierre Ndoumai. Für ihn ist „schwarz“ eine permanente Metamorphose – je nach Lage und Gefühl. Schwarz ist – ohne dass er es so ausdrückt – wie das Chamäleon mit seinen Farbwandlungen. Ängste können anerzogen, variiert oder anerzogen werden

 

Afrika – ein Kontinent der Migration


Wir kennen zwar auch Völkerwanderungen in Europa, oder wissen, dass Amerika ein Einwanderungskontinent war und ist. Auf dem afrikanischen Kontinent erfahren wir, je mehr wir Geschichte erfassen, dass Afrikas Völker stets auf Wanderung waren. Das muss schon in der Urzeit begonnen haben, denn aus dem ostafrikanischen Grabenbruch zogen diese Menschen aus, wohl hinüber nach Arabien und weiter nach Indien und Indonesien oder China. Niemand weiss wie: diese Migration bleibt vorderhand eines der grossen Geheimnisse der Menschheit.

Wir kennen aber die Luo-Einwanderung aus dem Sudan in den Süden von Kenya, Uganda und Rwanda. Über allem steht jedoch die Bantu-Wanderung, die den Kern der afrikanischen Geschichte bildet, und schon gesamthistorisch eine der wichtigsten Migrationen der Weltgeschichte ist. Diese Völker wanderten auf dem Ausweg von Dürre und Hunger, auf der Suche nach Land und Überleben aus dem Kongobecken – sehr wahrscheinlich -. der eine Teil südlich, der andere östlich gegen Burundi und Tansania. Diese Wanderungen haben jedoch in der afrikanischen Tiefenpsychologie nicht Gram und Traumata geschaffen, denn diese Wanderungen werden positiv erlebt und/oder verarbeitet.

Woher stammt diese Wanderslust? Haben afrikanischen Menschen es den Zugvögeln abgeschaut?

 

Afrika – ein Kontinent der Mischungen und Hybriden


Eigentlich gibt es auf diesem Kontinent weder ein „reines“ (was immer das sein soll) weiss noch ein eindeutiges schwarz. Auf den Wanderungen merzte man die Völker vor sich nicht aus, sondern vermischte sich mit ihnen. Deshalb gibt es keine Stämme im europäisch verstandenen Sinn, denn das sind Kleinvölker mit Kultureinheiten, aufgenommen und eingeheiratet.

Vielleicht haben die „Weissen“ kein Verhältnis zum Gemischten gehabt und benahmen sich deshalb so nervös und apartheidhaft, oder war es der deutsche und britische Einfluss? Schon hier begann es und dauert bis heute an: die Europäer kamen mit Afrika nie zurecht; sie kamen zwar in diesen Kontinent, waren jedoch bloss an Land und Bodenschätzen interessiert, niemals jedoch an Menschen.

 

Afrika – ein Kontinent vieler Überlagerungen und Schichten


Wohl die allermeisten afrikanischen Menschen (auch die im Norden und die im Süden) leben mit mehreren Kulturen und Religionen in ihrem Kopf. Die allermeisten afrikanischen Menschen sind mehrsprachig, da sie alle von Kleinvölkern stammen und extrogamisch sind.

Durch Wanderungen also überlagert, da die jeweils Einheimischen integriert wurden, indem man ihnen Sprache beliess und annahm, früher oder später würden sie die „Eroberten“ anpassen.

Den grossen Wanderungen folgte der Kolonialismus. Dieser brachte Schule und Religion mit. Man lernte also diese neuen Sprachen und machte sie gar zu Übersprachen oder Schriftsprachen (was Schweizer verstehen müssen).

 

Afrika – repräsentiert das gestohlene Selbst


Dieses gleichzeitige Überall-sein und diese Vieldeutigkeiten, eine gewisse Zeitlosigkeit und eine Form dauernder Extraterritorialität verunsichert manche Menschen. Menschen haben ihr Sein verloren, die Grundlage dazu, sie schweben, ihnen fehlt etwas von der Bodenständigkeit. Afrika ist nicht nur „dort“, sondern stets auch „da“. Man mag weiter gehen: Afrika ist etwas von allen, der gestohlene oder entführte Schatten. Man mag daher sogar ein kulturelles Schleudertrauma haben. Afrika versteckt etwas von der menschlichen Sehnsucht

 

Afrika – ist zum Hinterkopf Europas geworden


Afrikas Menschen wurden von Europäern kolonisiert; man brachte ihnen unsere Sprachen, unser Schul- und Glaubenssystem. Neben dem traditionellen Denken nehmen sie wahr und begreifen sie auch im europäischen oder westlichen Sinn. Das vorbereits erwähnte Doppelbödige kommt hier klar zum Vorschein. Deshalb mag in bestimmten Lagen ein afrikanischer Mensch mehr Europäer als ein Europäer sein, denn der Europäer steht dem Europäertum zu nahe und hat zu wenig Distanz. Afrikanische Dichter, Sänger oder Filmer haben das auch bemerkt und ausgesprochen, etwa der Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka (Nigeria), der Dichter und Musiker Francis Bebey (Kamerun) und der Filmer und Schriftsteller Ousmane Sembène (Senegal). An diesem Dippelsein ist der grosse kamerunische Schriftsteller Mongo Beti beinahe verzweifelt und hat es anfänglich wie ein Rasender verflucht und meinte, man hätte ihn in dieser europäischen Schule indoktriniert und kastriert, floh dann aber doch nach Frankreich und blieb da über Jahrzehnte.  Von Schuld oder nicht hat es in der Geschichte keinen Sinn zu debattieren, dennoch ist es ebenso falsch, um vom Kolonialismus loszukommen – wie Europa mit Schengen es tut – dieses Einst zu verstossen und in den äussersten Ring zu setzen.

 

Afrika – soll der Kontinent oder die Kolonie der Verlierer sein


The permanent looser haben sowohl Churchill als auch de Gaulle diesen Kontinent genannt. Beide haben wohl etwas von Joseph Conrad und seinem Roman um 1900 mit dem Titel „Heart of Darkness“ gehört haben und gleichzeitig haben sie wohl nach einer Entschuldigung für ihr Versagen gesucht, fast fatalistisch. Ja, auf diesem Kontinent scheint immer alles daneben zu gehen. Und so haben Schriftsteller Afrika den Lost Continent genannt. Andere haben Afrika gar als ein „vergrösserte Konzentrationslager“ bezeichnet. mit Viren und Mücken, Krankheiten und Hungersnöten, ausgetrocknet und vom Winde verweht. Von all dem klingt etwas in den Köpfen – weltweit mit, wenn an Afrika gedacht wird.

 

Afrika – der Kontinent der Zukunft


Nach all dieser Vielfalt, aber auch den dauernden Widersprüchen, kann behauptet werden, wer von Nachhaltigkeit wirklich etwas hält, setzt auf Afrika. Es scheint die Chinesen spüren das. Nur muss verhindert werden, dass nicht eine neue Kolonisierung beginnt, und Afrika nicht abermals der Ausbeutung freigegeben wird.

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Al Imfeld, 2007