Inszenierte Erpressung

Gambia, 1975, 1980 und ca. 85

 

Inszenierte Erpressung

Mit Hilfe von Stimmungen und Erlebnissen ein kleines Länderporträt

Dreimal fuhr ich vom Norden Senegals in die Casamance, im Süden des gleichen Landes; ohne gewaltige Umwege kommt man nur dorthin, indem man einen Fluss, der durch ein anderes Land fliesst, mit einer Fähre überquert.

 

Es handelt sich um das eigenartigste Land der Welt, und den kleinsten Staat Afrikas, Gambia, ein Land entlang des 1127 km langen Gambia Flusses, wovon etwa 360 km den Staat auf beiden Seiten mit genau 24 km des Flusses ausmachen; bei ein paar Biegungen mögen es auch 25 und einmal sind es gar 50 km; das also macht den Staat Gambia aus. Ein Schlauch. Nichts mehr. Ursprünglich ein Fluss, jetzt ein Staat. Einst mit viel Fischen, heute ausgefischt.

 

Einst soll es dem Fluss entlang noch Bäume und Sträucher gegeben haben. Heute nichts mehr. Bloss Verödung. Etwas ist hier längst gestorben.

 

Zu Beginn der Kolonialzeit wollten die Briten den Fluss als Transportweg für ihre kolonialen Güter, Holz und Erdnüsschen, Harze und scheinbar Gold und anderes Geheimnisvolles. Den nördlichen und südlichen Teil vom Fluss, das spätere Senegal, überliessen sie den Franzosen. Damals haben die 24 km Distanz gereicht, um den Schiffsverkehr vor Gewehr- oder Kleinkanonenschüssen sicher zu halten. Dazu gab es ohnehin zum Schutz noch Wildnis mit viel Gehölz und Gebüsch. Kolonialer Handel verlief stets sowohl mit vorgehaltener Hand und versteckt sozusagen in einer Wildnis.

 

Heute ist Gambia nichts anderes als ein koloniales Relikt. Natürlich gibt es da die Hauptstadt Bathurst, heute Banjul, einstiges Zentrum von Gangstern, Räubern und Gamblern und Bordellbesitzern. Hierhin haben einst die Briten die befreiten Sklaven zusammen mit Huren aus Liverpool ausgeschifft und ihnen scheinbar Afrika zurückgegeben.

 

Bis vor kurzem gab es für den Übergang nach dem Süden 3 Fährenschiffe für Autos. Heute fährt nur noch eins, ziemlich unregelmässig, veraltet, verrostet, nicht gepflegt. Niemand weiss, ob die momentane Fahrt die letzte ist. Und dann? An die Zukunft denkt hier niemand. Eine besondere Pflege und Sorge für diese Fähre gibt es nicht. Es heisst allgemein: „Was bis jetzt gelaufen ist, soll man nicht durch besondere Pflege unterbrechen oder aus dem Rhythmus bringen.“ Die Geister der Fähre erhalten von besonderen Passagieren ab und zu etwas Bier oder gar Gin.

 

Fragt man nach den zwei anderen Fähren, die aus dem Verkehr sind, heisst es einfach, dass man die Aktive nicht missmutig und neidisch machen wolle, indem man diese ersetze. Lieber lasse man sie laufen, solange sie kann.

 

Nun muss daher diese eine die ganze Arbeit verrichten und die Betreiber saugen die Kunden aus. Die Crew ist nicht kundenfreundlich. Die meisten kommen zu spät und lassen warten, bis sie genug Erpressungsgeld kassiert haben. Weisse Kunden werden gnadenlos an die Karre gehalten. Da kommt sogar einer und behauptet, am Auto sei der Auspuff nicht sachgerecht befestigt und wagt gar, das Gefährt auszumustern.

 

Bei den dreimaligen Fahrten in die Casamance wurde ich bis aufs Blut erpresst, obwohl ein Senegalese mein Chauffeur war und der Wagen ihm gehörte. Zuerst hiess es, ich würde für die Überfahrt ein Visum benötigen.

Ein andermal kam einer und befahl mir, mich dem Fotografen zu stellen, denn meine Bild entspreche nicht mehr dem heutigen Aussehen. Vom dritten Mal ist mir geblieben, dass die auf die Fähre wartende Schlange mehrere Kilometer lang war und ich in der Tropenhitze zusammen mit all den anderen 5 Stunden wartete. Damals haben sie alle ausgenommen, auch die Eigenen. Es hiess, das Boot weigere sich, auf der anderen Seite wegzufahren und verlange Opfergaben von uns. Zuerst wurden alle alkoholischen Getränke eingesammelt. Das Wasser wenigstens liessen sie uns. Der Höhepunkt der Geschichte ist, dass sie behaupteten, der Fähre sei der Sprit ausgegangen und sie bestimmten Wagen (das Auswahlkriterium kenne ich nicht), um die Abzapfung von Benzin zu befehlen. Alle Kanister wurden ohnehin eingesammelt.

 

Die Menschen in der Casamance packt regelrecht die Wut, weil man sie derart immer mehr von der Welt abschneidet. Sie sind erpressbar und können nichts tun, denn zwischen ihnen liegt diese Schlange (oder ist es ein Krokodil?) und der Fluss ist ein anderes Land, das kein Erbarmen kennt. In der Casamance sagen viele, dass die Mentalität der Sklaverei die Köpfe der Gambier erobert habe.

 

Das letzte Mal fuhren wir auf einem Umweg über Tambaccounda und Kaolak nach Dakar zurück.

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Al Imfeld, Dakar 2008