An was hatte man im Kampf nicht gedacht?

  1. Eine Befreiung ist keine Revolution, sondern ein mühsamer Vorgang, der lange, lange dauert. Ein Übergang ist ein Lernprozess, bei dem viele Fehler gemacht werden. . Es gibt bei einigen Völkern Afrikas das Sprichwort „Mit nur runden Steinen baut man kein Haus“.
     
  2. Der Sozialanthropologe Max Gluckman und P. Joe Elsener, ebenfalls Anthropologe, Missionar in Rhodesien, heute Ex-Generaloberer der Immenseer (SMB) charakterisieren den Afrikaner folgendermassen: „In African political life, men were rebels and never revolutionaries.“ So Gluckman. Und Elsener: „Rebels want to take the place of the rulers they displace, while revolutionaries want to build a new social order.” So gingen die Freiheitskämpfer nach der Unabhängigkeit als Freibeuter hervor.
     
  3. Freiheitskämpfer hatten vergessen, dass der Übergang vom Busch und Sumpf zum Staatshaus und Alltag keine Fortsetzung des Kampfes auf gleicher Ebene sein konnte. Nun folgte der zivile Aufbau. Bis heute fehlen rundweg solide Zivilgesellschaften, die zum Aufbau einer Demokratie nötig wären. Dafür waren diese Ex-Guerillas weder vorbereitet noch geschult, denn um das Nachher hatten sie sich nie Gedanken gemacht und waren ganz und gar nicht vorbereitet. Sie hatten weder eine Ahnung, was ein Staat noch eine Regierung ist. Kämpfen mit dem Gewehr und der Machete ist etwas anderes als Regieren mit Dekreten und Gesetzen.


     
  4. Ein Nation-building konnte mit den Ex-Guerillas gar nicht möglich sein, denn die Ex-Guerillas besassen keinen Begriff von Nation, bloss einen mystischen Volksbegriff; sie kamen von der Kolonie her und waren von ihr geprägt. Sie gaben sich der Illusion hin, dass mit der Unabhängigkeitserklärung der Begriff Kolonie sich sofort in einen Begriff der Nation verwandle. Sie hatten letztlich kaum reflektiert, was Kolonie überhaupt war und für sie bedeutet hatte.
     
  5. Die richtige Folgerung wäre daher gewesen, dass die Kämpfer in den Hintergrund treten würden (sie hätten den Ruhestand verdient gehabt) und ein Parlament aus dem gesamten Volk gewählt worden wäre. Ein Soldat ist kein Politiker: das sind zwei verschiedene Denk- und Vorgehensweisen. Dieser, den Kampf ablösende Übergang ins Zivilleben und in die politische Normalität wurde in allen Ländern, die durch einen harten Befreiungskampf an die Macht, resp. zur Unabhängigkeit kamen, nicht geschafft. Man kann das klar in Südafrika 2008 sehen, wo Jacob Zuma, als ein ANC Funktionär, Präsident werden und Mbeki ablösen will. Rasch ging’s: Am 21. Sept. 2008 fand der „Putsch“ bereits statt. Mbeki ging. Weg frei für Mr. Zuma. Im Editorial schreibt die Financial Times am 22. Sept. 2008: „…for showing signs of democratic health – a rare sentiment in a former African liberation movement…“)
     
  6. Im Grunde genommen folgte überall in diesen befreiten Ländern der permanente Ausnahmezustand. Selbst in Südafrika kam ein inzwischen veralteter ANC mit Thabo Mbeki nach dem Abtritt Mandelas zurück. Doch es begann zu gären, denn die Arroganz wurde für viele unerträglich. Erstaunlich – und es konnte eigentlich nur in Südafrika passieren – kam es im Dezember 2008 zur Spaltung und Congress of the People (Cope) entstand als neue Partei. Zuma und seine Banden hatten übertrieben, indem sie sogar Mbeki abschoben. (Man erinnert sich an eine frühere Abspaltung, 1958, als sich radikale Afrikanisten von ANC  distanzierten, weil sie nicht nur schwarze Mitglieder hatte; Panafrika Partei war geboren.)
     
  7. Doch aus der Bevölkerung wären auch nicht allzu viele gute und kreative Kräfte gekommen, denn die Kolonialregierungen hatten sowohl eine Politisierung als auch eine Einführung in höhere Verwaltungsaufgaben systematisch verhindert.


     
  8. Die Kämpfer fanden nie den Weg zurück ins Privatleben. Die Kämpfer kehrten eigentlich nie nach Hause; sie blieben unter sich. Eine Durchmischung von Kämpfern und Bürgern wurde verpasst; der Klüngel der Kämpfer blieb, und das Volk blieb vergessen am Rand.
     
  9. Erst recht wurde verpasst, Intellektuellen eine Rolle zuzuteilen; Schriftsteller und Künstler wurden verhöhnt und wurden – mit Recht – bald die Kritiker dieser neuen Protzer. Hervorragende Beispiele sind Ngugi wa Thiong’o in Kenya, Wole Soyinka und Ken Saro-Wiwa in Nigeria, Sony Labou Tansi (DRKongo) und Ahmadou Kourouma (Elfenbeinküste). Sie wurden verfolgt, ins Gefängnis gesteckt oder ins Exil abgetrieben.
     
  10. Statt zu befreien, wurden zwei Schichten geschaffen. Statt des früheren Kolonialismus war nun ein einheimischer Kolonialismus entstanden, der harscher als der auswärtig gesteuerte war. Die jetzigen neuen Herren gaben sich als Volksvertreter aus, als solche, die wussten, was ihr Volk brauchte. Daher begreift man, dass es bald bei vielen in der Bevölkerung hiess: „Früher war es besser.“


     
  11. Der Bevölkerung wurde viel zu viel versprochen. Sie meinten, mit der Befreiung würde der Rest einfach so vom Himmel fallen. Sie glaubte, dass sie nun nicht mehr arbeiten müssten, dass sie genug haben würden, dass Befreiung eine Rückgabe des paradise lost war.
     
  12. Nun folgte erst recht die Rückwärtsprojektion; das Einstige war alles himmlisch, glücklich und schönstens verklärt.